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Interview mit Präsidentin CURAVIVA BS

"Ich habe alte Menschen sehr gern"

Präsidentin des Verbands CURAVIVA Basel-Stadt ist seit September 2019 die ehemalige Sanitätsdirektorin Veronica Schaller. Kurz nach ihrem Amtsantritt ist die Corona-Krise ausgebrochen. Ein Gespräch mit ihr über die aktuelle Situation in den Basler Alters- und Pflegeheimen und ihre Motivation, auch in Zeiten von Corona.

Aelterbasel: Seit rund einem Jahr sind Sie Präsidentin vom Verband CURAVIVA Basel-Stadt, was war Ihre Motivation, diesen doch kniffligen Job zu übernehmen?

Dass er so knifflig werden würde, hätte ich natürlich nicht gedacht (lacht). Aber zu meiner Motivation: Ich habe sehr gern alte Menschen. Ich finde zudem die Fragen, die sich im Alter, in den letzten Jahren eines Lebens stellen, wichtige Fragen. Das fasziniert mich.

Welche Ziele haben Sie sich damals konkret gesteckt? Was wollten Sie verändern? Was ist Ihnen gelungen?

Corona hat alle gesteckten Ziele über den Haufen geworfen. Über viele Monate standen Themen wie Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner und des Personals in den Heimen im Vordergrund. Auch der Austausch untereinander, wie mit dieser für alle völlig neuen Situation umzugehen ist, war ein wichtiges Anliegen des Verbandes. Aber eigentlich wurde ich vor allem im Hinblick auf die Erneuerung des Rahmenvertrags 2022-2025 zwischen Departement und Verband als Verbandspräsidentin angefragt. Als ehemalige Gesundheitsdirektorin kenne ich die Szene und habe immer noch gute Kontakte im Gesundheitswesen.

Corona hat alles verändert

Wegen Corona mussten und müssen die Heime immer noch schwierige Interessensabwägungen vornehmen zwischen dem Schutz der Bewohnerinnen und Bewohner und der Wahrung ihrer Freiheiten. Wo sehen Sie da Ihre Aufgabe als Verbandspräsidentin?

Ganz am Anfang dieser Krise ging es um andere Fragen. Wie schützen wir uns vor etwas, das wir nicht kennen, das wir noch nie erlebt haben, das keine Analogie hat zu irgendetwas, was uns bekannt ist. Zuerst musste das notwendige Wissen und mussten die notwendigen Mittel beschafft werden. Das Abwägen der gewichtigen inhaltlichen Fragen kam erst später. Ich darf sagen: Die Alters- und Pflegeheime haben die erste Phase sehr gut gemeistert. Sie haben auf allen möglichen Wegen Schutzkleidungen und Masken organisiert, haben sich untereinander sehr schnell vernetzt und sich gegenseitig unterstützt. Die Heimleitungen hatten regelmässige Sitzungen übers Netz, der Verbandsvorstand und die zuständige Abteilung des Departements tauschten sich wöchentlich aus. Aber zu Ihrer Frage: Aus heutiger Sicht muss man sagen, es wurde sehr stark reagiert. Die Heime wurden geschlossen, bzw. die Schliessung wurde angeordnet; die Sicherheit der Bewohnerinnen und Bewohner stand an allererster Stelle. Die Lebensqualität wurde zum Teil eingeschränkt.

Corona betrifft Bewohner, Pflegende und Angehörige. Für wen sind Sie, ist der Verband CURAVIVA zuständig?

CURAVIVA vertritt als Branchenverband die Basler Alters- und Pflegeheime. Und damit geht es um alle diese Gruppen, die Sie genannt haben. Die Basler Alterspflegeheime bieten ein breites Angebot für, in der Regel, alte Menschen, die aus gesundheitlichen oder auch sozialen Gründen nicht mehr allein wohnen können. Der Verband unterstützt die Heime in ihrer Arbeit und vertritt sie gegenüber dem Departement.

Wie empfinden Sie die Stimmung unter den Pflegenden heute?

Die Stimmung ist gut, trotz Corona. Die von Corona betroffenen Heime haben den Mitarbeitenden viel Beachtung geschenkt. Die Informationen war wichtig, ausreichend Gelegenheiten zum Austausch untereinander, Pausen, psychologische Unterstützung, genügend Schutzmaterial. Davon gibt es heute ausreichend, zum Glück.

Strenge Schutzkonzepte können für die Bewohnerinnen sehr einschneidend sein. Isoliert zu leben, das erzeugt Unsicherheit, Angst, Verwirrung. Was kann man als Institution anbieten, wenn zum Beispiel wegen der Ansteckungsgefahr keine gemeinsamen Spaziergänge mehr möglich sind, keine Gruppennachmittage?

Die Heime waren zu Beginn der Pandemie stark gefordert. Rund die Hälfte der Todesfälle in Basel in den ersten Wochen betrafen Bewohnerinnen oder Bewohner von Alterspflegeheimen. Doch die rigorose Schliessung der Heime und das Besuchsverbot wurde bald als unmöglich, unmenschlich empfunden. Die Heime mussten Lösungen finden, um wieder Kontakte nach aussen oder Besuche bei sterbenden Bewohnerinnen und Bewohnern zu ermöglichen. Um sie bei schwierigen Entscheiden zu unterstützen, haben CURAVIVA und die Medizinische Gesellschaft eine Expertenkommission einberufen. Das sind Fachleute aus den verschiedensten Bereichen des Gesundheitswesens, auch mit ethischem, juristischem oder theologischem Hintergrund, die die baselstädtische Langzeitpflege in der Corona-Krise unterstützen. Diese Kommission, die fallweise zusammenkommt, spricht nicht nur medizinische und epidemiologische Empfehlungen aus, sondern äussert sich auch zu rechtlichen, pflegerischen, ethischen oder spirituellen Fragen. (Nähere Informationen zu dieser Expertenkommission finden Sie hier*). Die Kommission hat Anfang September ihre Arbeit aufgenommen; dafür bin ich sehr dankbar.

Sie sagen «fallweise». Um welche Fragen geht es in diesen Fällen?

Etwa, was ist zu tun, wenn jemand an Covid19 erkrankt und in seiner Patientenverfügung untersagt hat, im Notfall in ein Spital verlegt zu werden. Dort aber hätte man die bessere Infrastruktur, um Infizierte zu behandeln, und die übrigen Bewohner würden geschützt. Oder generell, wie man vorgehen soll, wenn der Virus im Heim ist. Soll man Gruppen bilden, sogenannte Kohorten, innerhalb deren der soziale Kontakt möglich ist. Oder soll für eine bestimmte Zeit gänzlich isoliert werden? Das sind schwierige Fragen, zu denen es teilweise keine richtigen oder falschen Antworten gibt. Deshalb gibt es Sicherheit, vor einer Entscheidung die Meinung und den Rat einer interdisziplinären Gruppe einzuholen. Das gilt nicht nur für Heime, sondern auch für die Hausärztinnen und Hausärzte, die ja genauso betroffen sind.

Heime haben reagiert, ihre Schutzkonzepte angepasst, Testkapazitäten sind grösser, Schutzmaterial vorhanden. Wie stehen Sie heute zu Besuchsverboten?

Das will wirklich niemand mehr. Das war auch ein Grund für die Schaffung der Expertenkommission, die Heime darin zu unterstützen, Alternativen zu finden. Alle Menschen sind auf soziale Kontakte angewiesen. Gerade der Kontakt zu engsten Angehörigen darf nicht einfach verboten werden. Und bei dementen Personen kommt häufig das starke Bedürfnis nach körperlichem Kontakt dazu. Es gibt Ideen und auch schon Erfahrungen, wie Bewohnerinnen und Bewohner geschützt werden können und trotzdem Kontakt zu Angehörigen haben. Hier müssen nun auf jedes Heim angepasste Lösungen gefunden werden.

Und was geschieht mit den Aktivitäten untereinander, den sozialen Kontakten innerhalb des Heimes?

Auch der soziale Kontakt der Heimbewohnerinnen und -bewohner untereinander ist ganz wichtig. Da entstehen Freundschaften, auch neue Liebesbeziehungen. Auch hier müssen Wege gefunden werden, um den Kontakt untereinander so gut es geht weiter zu ermöglichen. Im Moment sind die Basler Heime frei von Corona, aber das kann schnell ändern. Und deshalb entwickeln die Heime heute schon Strategien, was zu tun wäre, wenn.

Einsamkeit ist ein ganz grosses Problem im Alter, auch zuhause, dort vielleicht noch schlimmer als im Heim?

Die Einsamkeit ist zuhause oft noch schlimmer, ja. Aber Heime haben einen schlechten Ruf, zu Unrecht. Natürlich gibt es Heimbewohnerinnen und -bewohner, die sich nicht mehr gross bewegen können, oder die mental mit dem Leben abgeschlossen haben. Ich sehe aber auch ganz viel Heimbewohnerinnen und -bewohner mit Lebensfreude, die aktiv sind, die draussen spazieren oder in einem Café Kuchen essen – kurz: alte Menschen, die sich im Heim ganz einfach wohl fühlen. Es ist eines meiner Anliegen, das Image der Alterspflegeheime zu verbessern. Corona hat uns da natürlich zurückgeworfen. Die Angst davor, dass das Heim geschlossen wird und man über Wochen isoliert ist, hat viele vor dem Heimeintritt abgehalten, auch wenn er eigentlich angesagt gewesen wäre. Deshalb müssen die Heime das Vertrauen haben, dass eine erneute Schliessung wirklich nur dann erfolgt, wenn alle anderen Mittel versagen und auch dann nur für eine kurze Zeit.

Informationen zu CURAVIVA Basel-Stadt finden Sie hier

* Medienmitteilung vom 9.September 2020