phone-xs phone-sm tablet-md laptop-lg desktop-xl

Rosige Zeiten für die Jobsuche ab 50?

Ältere Arbeitslose dürfen sich markant mehr Hoffnungen als früher auf eine Wiederanstellung machen, ist in letzter Zeit des öfteren in den Medien zu lesen. Doch stimmt diese Einschätzung mit der Realität wirklich überein? Ein Interview mit Hansjürg Dolder, ehemals Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Basel-Stadt.

aelterbasel: Der Fachkräftemangel nehme zu, der „Jugendwahn“ ab, ist immer häufiger in den Medien zu lesen. Das seien gute Vorzeichen für ältere Arbeitslose. Wie gross stufen Sie als Mann aus der Praxis die Chancen für jemanden aus der Generation 50plus ein, auf dem Arbeitsmarkt wieder Tritt zu fassen?

Hansjürg Dolder (HD): Dass die Chancen für ältere Arbeitslose auf eine Neuanstellung markant gestiegen sind, kann ich so nicht bestätigen. Ich habe mir die Zahlen der letzten zehn Jahre für Basel angeschaut. Ältere Menschen zwischen 50 und 65 Jahren sind im Vergleich zu Jüngeren (20 bis 49 Jahre) zwar bedeutend weniger von Arbeitslosigkeit betroffen (nur 2,7 Prozent gegenüber 3,4 Prozent). Ältere Arbeitslose bekunden aber im Durchschnitt viel mehr Mühe, wieder einen Job zu finden, wenn sie einmal arbeitslos sind. Ende August 2012 waren im Kanton Basel-Stadt 1083 Personen im Alter von über 50 Jahren arbeitslos gemeldet. Im Durchschnitt dauert die arbeitslose Zeit bei dieser Gruppe ein gutes Jahr, bei den unter 24-Jährigen dagegen weniger als ein halbes Jahr.


Hansjürg Dolder

Gibt es nicht deshalb weniger ältere Arbeitslose, weil sich diese aus Scham beim Arbeitsamt gar nicht erst melden?

(HD): Die Hemmung mag bei Älteren etwas grösser sein. Irgendwann zwingt die finanzielle Not die meisten aber doch zur Registrierung auf dem Arbeitsamt. Ich möchte bei dieser Gelegenheit betonen, dass sich niemand schämen muss. Es besteht ein Leistungsanspruch, schliesslich wurden für diese Versicherung Prämien bezahlt.

Es gibt Leute, die behaupten, dass man als über 50-Jähriger gar keine Chancen auf einen Arbeitsplatz mehr habe.

(HD): Das trifft nicht zu. Pro Monat finden in Basel über alle Altersgrenzen hinweg etwa 600 bis 700 Menschen wieder eine Stelle, davon rund 20 Prozent im Alter von über 50 Jahren. Genaue Zahlen stehen nicht zur Verfügung, weil wir nur bedingt Informationen über die Gründe derjenigen haben, die sich nicht mehr bei uns auf dem Arbeitsamt melden.

Was sind das für Stellen? "Eineurojobs" wie bei unserem nördlichen Nachbarn?

(HD): Nein. Mini- oder Ein-, rsp. Zweieurojobs wie in Deutschland gibt es in der Schweiz nicht. Auch ältere Stellensuchende finden in aller Regel wieder vergleichbare Tätigkeiten, wie sie sie bisher innehatten. Gelegentlich werden leicht tiefere Löhne in Kauf genommen. In sehr wenigen Fällen konnten die Betroffenen gar eine höhere Position oder einen höheren Lohn erzielen.

Kann man sagen: Je besser die Ausbildung, desto grösser sind die Chancen für die Wiederanstellung eines oder einer älteren Arbeitslosen?

(HD): Nicht unbedingt. Ein zu grosser Spezialisierungsgrad kann sogar ein Hinderungsgrund für eine Anstellung sein. Und zudem: Was Sie als 20-Jähriger einmal gelernt haben, spielt für den 50-Jährigen nicht mehr eine so grosse Rolle. Viel Wissen ist inzwischen veraltet. In höherem Alter sind andere Kriterien für eine Anstellung meist ausschlaggebender.

Zum Beispiel?

(HD): Sie müssen bereit sein, sich stets weiterzubilden. Hohe Zuverlässigkeit sowie eine hohe soziale und emotionale Intelligenz sind weitere Faktoren, die die Chancen Älterer auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Wichtig ist auch die Flexibilität, was Älteren oft nicht mehr zugetraut wird. Wer über diese Eigenschaften verfügt, sollte sie deshalb unbedingt im Bewerbungsschreiben festhalten und selbstbewusst hervorheben.

Es gibt Ältere, die schreiben unzählige Bewerbungsschreiben, werden aber nicht einmal zu einem Gespräch eingeladen. Ist letztlich nicht ein gutes Netzwerk ausschlaggebend?

(HD): Ein gutes Netzwerk ist immer wichtig und kann die Tür zu einem Vorstellungsgespräch öffnen. In der zweiten Phase hilft ein gutes Netzwerk allein nicht mehr weiter. Die Arbeitgeber haben eine bestimmte Vorstellung von einem Kandidaten, einer Kandidatin. Wer diesem Profil nicht entspricht, stösst schnell an eine Grenze.

Ältere Arbeitnehmende gelten tendenziell als kostenträchtiger. Muss man daher nicht ein gewisses Verständnis für Arbeitgeber aufbringen, wenn sie Jüngere vorziehen?

(HD): Wenn ein Arbeitgeber die falsche Person einstellt, kommt ihm das per Saldo viel teurer. Ich kann die Situation bei uns auf dem Arbeitsamt mit rund 250 Mitarbeitenden schildern: Wir kennen keine altersmässige Limite bei Anstellungen, der Lohn spielt keine Rolle. Vielmehr konzentrieren wir uns darauf, jemanden zu finden, der ideal ins Team passt. Das kann je nachdem eine jüngere oder eine ältere Person sein.

Gibt es aus der Privatwirtschaft Indizien dafür, dass Arbeitgeber ihre älteren Arbeitnehmer aus Kostengründen schneller als früher loszuwerden versuchen?

(HD): Statistisch gesehen existieren dafür keine Anzeichen. Ich weiss sogar von Arbeitgebern, dass Sie vielmehr Jüngere entlassen, weil diese eher wieder eine Stelle finden würden.

Eine bekannte Basler Firma möchte ihre Angestellten ab Alter 59 in Frührente schicken, sie aber gleichzeitig als Selbstständigerwerbende weiterbeschäftigen. Als Lohn soll hingegen nur noch die Differenz zwischen dem ursprünglichen Lohn und der gekürzten Rente bezahlt werden. Würden Sie als älterer Arbeitnehmer einen solchen Deal, der vom Arbeitgeber als „win-win-Situation“ bezeichnet wird, annehmen?

(HD): Nein. Dieses Konstrukt verhält rechtlich nicht. Wenn Sie neu als Selbstständigerwerbender nur für Ihre alte Firma arbeiten, sind Sie kein Selbstständigerwerbender, sondern nach wie vor Arbeitnehmer dieser Firma. Das gilt erst recht, wenn Ihnen beispielsweise weiterhin ein Büro am alten Arbeitsort zur Verfügung gestellt wird. Letztlich legt die Ausgleichkasse fest, ob jemand als angestellt zählt.

Nicht vergessen sollte man, dass ein solcher Deal für den Arbeitnehmer finanziell gesehen maximal bis zur Pensionierung aufgehen würde. Danach müsste er sich lebenslang mit einer kürzeren Rente zufriedengeben.

Aber wenn die Variante „Vogel friss oder stirb...“ heisst?

(HD): Auch dann würde ich diesen Deal nicht mitmachen. Denn ein solches Mandat könnte vom Arbeitgeber noch vor der Pensionierung jederzeit wieder zurückgezogen werden. Dann haben Sie doppeltes Pech.

Beim Arbeitsamt müssen sich auch noch Senioren mit über 60 Jahren auf dem Buckel aktiv um eine Stelle bemühen, wenn sie keine Leistungskürzungen riskieren wollen. Ist das nicht reine Schikane?

(HD): Nein, bis zur Pensionierung haben Arbeitslose gemäss AHV-Gesetz gleiche Rechte und Pflichten. Unsere Personalberater verfügen immerhin über einen gewissen Ermessenspielraum. Und im letzten halben Jahr vor der offiziellen Pensionierung müssen gar keine Bewerbungsschreiben mehr verfasst werden.

Wie sieht es mit der Förderung von älteren Arbeitslosen in Basel aus? In Deutschland werden ältere, schlecht qualifizierte Mitarbeitende teilweise gezielt gefördert.

(HD): Im Kanton Basel-Stadt geben wir pro Jahr 14 Millionen Franken für Qualifikations- und Beschäftigungsmassnahmen aus. Davon können auch ältere Arbeitslose profitieren. Im Gegensatz zu den jüngeren Arbeitslosen erhalten ältere aufgrund ihrer individuellen Lebensläufe - und auch zum Abladen von Frustration - eher eine Einzelberatung. Wir überprüfen momentan überdies, ob wir älteren Arbeitslosen speziell auf sie zugeschnittene Computerkurse anbieten sollen.