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Tatort: Persönliches Umfeld

"Finanzieller Missbrauch muss zu einem öffentlichen Thema werden"

Eine Studie der Pro Senectute Schweiz kommt zum Schluss: In der Schweiz wird jede vierte Person ab 55 Jahren Opfer eines Finanzmissbrauchs, jede fünfte erleidet dabei einen finanziellen Schaden. Die Fälle reichen vom klassischen Diebstahl im öffentlichen Raum bis zur gefälschten Bestellung im Internet. Besonders brisant aber sind die finanziellen Übergriffe, die im persönlichen Umfeld des Opfers erfolgen. Diese schweigen aus Scham oder Angst vor Liebesentzug

Pro Senectute Schweiz gab 2015 eine Studie zu einem Thema in Auftrag, das noch unerforscht schien: Das Nutzungsverhalten der Seniorinnen und Senioren von Internet und mobilen Geräten. Fazit der Studie in Sachen Digitalisierung: „Offline Senioren verlieren den Anschluss“ Medienmitteilung vom 3.5.2015.

Nun hat sie erneut ein heisses Eisen aufgegriffen: Zusammen mit dem Institut zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität der Fachhochschule Neuenburg erstellte die Pro Senectute Schweiz im Oktober 2018 die repräsentative Studie „Finanzieller Missbrauch“. Diese kommt zum Schluss: in der Schweiz wird jede vierte Person ab 55 Jahren Opfer eines Finanzmissbrauchs, jede fünfte erleidet dabei einen finanziellen Schaden. Die Fälle reichen vom klassischen Diebstahl im öffentlichen Raum bis zur gefälschten Bestellung im Internet. Besonders brisant aber sind die finanziellen Übergriffe, die im persönlichen Umfeld des Opfers erfolgen, in der Familie, im Vertrauensverhältnis.

Möglichkeiten gibt es viele: Kinder, die ihre betagten Eltern nicht ins Altersheim ziehen lassen, weil diese Kosten das Erbe angreifen könnten. Oder fürsorgliche Töchter und Söhne, die sich gleichzeitig auch selber am Bankkonto des pflegebedürftigen Vaters bedienen. Oder ohne Miete zu zahlen im Elternhaus wohnen und den Betagten so um die Ergänzungsleistungen bringen, denn Mietzinseinnahmen werden bei einer Wohnung im eigenen Haus vermutet. Oder es gibt den Liebhaber, auf der Dating-Plattform kennengelernt, der die entzückte Witwe erfindungsreich um ihr Erspartes bringt.

Die kumulierte Schadenssumme für finanzielle Missbrauchsfälle in der Altersgruppe 55+ liegt gemäss Hochrechnungen der Studie bei über 400 Millionen Franken pro Jahr. Opfer sind, da sie sich häufiger mit finanziellen Dingen befassen, entsprechend häufiger Männer als Frauen, öfter im Alter zwischen 55 und 64 sowie über 85 Jahre als dazwischen.

Und noch eine Zahl: 61 Prozent der Opfer sprechen mit niemandem über den erlittenen finanziellen Schaden. Aus Scham. Aus Angst, sich lächerlich zu machen. Oder aus Furcht vor Liebesentzug. Da kann beispielseise die Drohung, dass künftig die gewohnten Besuche ausbleiben werden, durchaus effektiv sein.

Wichtigstes Gegenmittel: Enttabuisierung und Information

Missstand hin oder her: Eingreifen können Aussenstehende erst, wenn sie darum gebeten werden. «Was jemand mit seinem Vermögen macht, geht niemanden etwas an.», sagt Michael Harr, Geschäftsführer von Pro Senectute beider Basel. Er sieht denn auch den grössten Nutzen der Studie darin, dass ein Tabu aufgegriffen wurde, dass über finanziellen Missbrauche, gerade auch begangen im familiären Kontext oder im persönlichen Umfeld der Betroffenen, gesprochen wird. Dass das sensible Thema in den Medien publik gemacht wird. Denn je mehr darüber geredet und gehört wird, desto grösser ist die Bereitschaft von Betroffenen, sich im Verdachtsfall gezielt beraten zu lassen. Sich Unterstützung zu holen, etwa beim Ausfüllen der Steuererklärung, sich kundig zu machen in Rechtsfragen oder Angebote der Rechts- oder Sozialberatung zu nutzen.

><Prävention und Offenheit>>

Oft erfahren Dritte nur indirekt von einer Misslage, zum Beispiel, wenn eine Betreuerin der Spitex bei ihrem Dienst auf eine ungute Wohnsituation trifft. Etwa auf die gehbehinderte Frau, die, alleinlebend und ohne Lift, darauf angewiesen ist, von der erwachsenen Tochter versorgt zu werden. Statt die Mutter beim Übertritt in ein Alters- und Pflegeheim zu unterstützen, wird dieser Schritt aus Angst, die Pflegekosten fressen das Erbe aus, hinausgezögert. Oder die Budgetberaterin erfährt vom Sohn, der während Jahren die finanziellen Verhältnisse seiner Mutter unter seine Fittiche genommen und in aller Ruhe deren Konto plündert hat.

Jeder kann mit seinem Vermögen machen, was er will. Im Internet einkaufen zum Beispiel. Doch je mehr er oder sie darüber weiss, über Hintergründe, Tricks, desto sicherer wird man darin unterwegs sein. Denn auf den gefälschten Internetshop hereinfallen oder Waren geliefert bekommen, die nie bestellt worden sind, dagegen kann man sich effektiv schützen oder wehren. "Finanzieller Missbrauch muss zu einem öffentlichen Thema werden, findet Harr.

Damit schliesst sich auch der Kreis zur eingangs erwähnten Studie: Internet, Facebook und Co, die ganze Digitalisierung, ist Segen und Fluch zugleich. Zwar eröffnet sie praktische Möglichkeiten, die Gelegenheit für Kontakte und Unterhaltung und bequemes Einkaufen, doch gleichzeitig begeben sich Ahnungslose auch in Gefahr: Opfer zu werden von unseriösen Geschäftemachern.

Finanzielle Übergriffe, auch und gerade begangen im persönlichen Umfeld können erkannt und verhindert werden, Prävention und Offenheit sind der wichtigste Schritt. Und wenn sich ein Verdacht eingestellt hat: Darüber reden und Hilfe bei neutralen Stellen suchen.

Ein Wegweiser dazu bietet die Infostelle für Altersfragen der GGG: Info Älterwerden: Info Älterwerden

Die wichtigsten Tipps, die Sicherheit schaffen, hier zusammengestellt: hier

Zur Studie Finanzieller Missbrauch der Pro Senectute Schweiz: Studie vom 1.10.2018