phone-xs phone-sm tablet-md laptop-lg desktop-xl
IM LICHT BADEN

Licht hilft

Die Tage werden kürzer, die Sonne zeigt sich selten. Das drückt vielen auf die Stimmung, man spricht vom Winterblues. Künstliches Tageslicht kann helfen, solche depressive Verstimmungen zu überwinden. Ein Gespräch mit der Psychologin Vivien Bromundt, die seit acht Jahren am Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel die Auswirkungen von Licht auf unsere innere Uhr erforscht.

Nicht wenige leiden in der trüben Jahreszeit an depressiven Verstimmungen, dem sogenannten Winterblues. Welche Wirkung hat eigentlich Licht auf unser Gemüt?

Vivien Bromundt: Licht hat Zeitgeberfunktion für unsere innere Uhr, und man weiss, dass dieser Mangel an Licht für den sogenannten Winterblues verantwortlich ist. Klare Wechsel von Tag und Nacht stärken unsere innere Uhr. Die Konsequenz ist, dass wir einen guten Schlaf haben, und so am Tag wach und leistungsfähig sind. Dadurch wird auch die Stimmung beeinflusst. Bei Depressionen weiss man, dass die innere Uhr betroffen ist. Depressionen können durch diese Desynchronisierung der Rhytmen ausgelöst werden, andererseits können Störungen des Schlaf-Wachrhythmus auch eine Folge von Depressionen sein.

Der Lichtmangel allein löst keine Depression aus, sondern kann sie verstärken?

Jahreszeitliche Schwankungen, auch des körperlichen und seelischen Wohlbefindens, sind ganz natürlich, sie gehören zu unserem Leben dazu. Die verschiedenen Tageslängen haben Auswirkungen auf unseren Körper. Viele nehmen zum Beispiel im Winter zu, sind im Winter etwas müder, das ist ganz normal. Nur 2-3 Prozent in unserer Gesellschaft bilden eine schwere Depression im Winter aus. Unter dem Winterblues, einer schwachen Form der Winterdepression, leiden rund 8 Prozent in unserer Gesellschaft. Von Winterblues spricht man erst, wenn man an anhaltender Stimmungsverschlechterung, bleierner Müdigkeit und vermehrtem Schlafbedürfnis leidet. Menschen, die sensibel auf den Lichtmangel reagieren, reagieren schneller mit einer Winterdepression.

Wie diagnostiziert man eine Winterdepression?

Spezifische Symptome sind ein grösseres Schlafbedürfnis, was bei anderen Depressionen nicht so ist. Dazu ausgeprägte Tagesmüdigkeit, wirklich bleierne Müdigkeit, Lust auf Kohlenhydrate und Süsses. Und, im Gegensatz zu anderen Drepressionen, die Winterdepression verschwindet spontan wieder im Frühling.

Vivien Bromundt

Und was hilft dagegen?

Ausreichend Licht am Tag stärkt die innere Uhr. Licht beeinflusst die Botenstoffe in unserem Gehirn, Melatonin und Serotonin, auch Glückshormon genannt. Licht wird über das Auge aufgenommen und an die innere Uhr weitergeleitet. Im Freien hat Tageslicht viel grössere Intensität als in den Innenräumen, auch wenn es regnet und trüb und grau ist. Am intensivsten ist Licht am morgen, weshalb sich die frühmorgendliche Aktivität draussen, der regelmässige Spaziergang so positiv auswirken.

Nun gibt es aber Leute, die nicht oder nicht so oft spazierengehen können.

Dafür gibt es die Lichttherapie mit einer künstlichen Lichtquelle. Die Lampe hat den Vorteil, dass man sie gezielt einsetzen kann. Es ist zum Beispiel wichtig, dass wir uns, gerade bei Depressionen, das Licht am morgen verabreichen, gleich nachdem wir aufstehen, dann ist die aktivierende Wirkung am stärksten. Die innere Uhr weiss dann: jetzt ist Tag, jetzt starte ich, werde ich aktiv. Die Lichttherapie kann man einsetzen, auch wenn es draussen noch dunkel ist, kann sie genau timen, ob man ein Morgentyp ist, oder ein Abendtyp. Es braucht allerdings, wie beim Spaziergang, die Regelmässigkeit und die Dauer. Mindestens eine halbe bis eine ganze Stunde.

Der Spaziergang ersetzt die Lampe nicht, wenn man unter Winterblues leidet?

Doch. Regelmässig betrieben hat er eine ähnliche Wirkung. Auch bei bedecktem Himmel.

Und egal, ob man eine Mütze auf hat oder einen Schirm trägt?

Ja, wie gesagt, das Licht geht über die Augen. Es ist auch bei der Lichtherapie so: man muss nicht direkt in die Lampe schauen, man kann dazu frühstücken oder lesen. Die Rezeptoren, die das Licht an die innere Uhr weiterleiten, die für die Aufnahme des Lichts wichtig sind, sind über das ganze Auge verteilt. Diese Rezeptoren kennt man übrigens erst seit dem Jahr 2000,

Und Velofahren, der Arbeitsweg?

Der zählt natürlich auch, aber für viele Menschen ist der Arbeitsweg nicht so lang, es sollte schon eine halbe bis ganze Stunde sein. Bei uns sind die frühen Arbeitszeiten am morgen ein Problem, da macht man sich auf den Weg, wenn es noch dunkel ist und viele Menschen tendieren eher zum späteren Typus. Wichtig einfach, draussen aktiv zu sein. Hingegen ist viel Sport am abend nicht so ratsam, weil sich dann der Körper auf den Schlaf vorbereiten sollte.

Leiden ältere Menschen eher unter einer Winterdepression?

Nicht unbedingt. Aber man weiss, dass mit zunehmendem Alter das Signal der inneren Uhr schwächer ist. Das bedeutet auch schwächeren, oberflächlicheren Schlaf. Licht wird ja über das Auge aufgenommen, und auch das Auge wird im Alter schwächer. Unser Chronotypus verändert sich mit dem Alter, man geht eher früher zu Bett und steht früher auf, das hat mit der schwächer werdenden inneren Uhr zu tun. Man sollte sich deshalb klar dem Lichtdunkelwechsel aussetzen, für viel Licht am Tag sorgen und für richtige Dunkelheit in der Nacht, um den Schlaf und damit die Stimmung und Leistungsfähigkeit zu verbessern. Stichwort Lichtverschmutzung: die vielen LED-Lichtquellen, die genau dieses aktivierende Licht haben, mit viel Blauanteil, das auf unsere innere Uhr wirkt und somit das Einschlafen erschweren, die sollte man ganz aus dem Schlafzimmer verbannen. Es wird übrigens heute intensiv geforscht, wie Licht hilfreich in Altersheimen eingesetzt werden könnte, Lichtinstallationen, das ist ein weites Feld, oder auch, wie Licht für Demente genutzt werden könnte, bei denen die innere Uhr noch schwächer ist.

Licht scheint ja eine einfache Hilfe zu sein. Es erstaunt mich, dass nicht ein regelrechter Run auf die Lichttherapie besteht.

Dieser Run findet statt, bei uns sind einfach die Kapazitäten noch nicht genügend vorhanden. Der Lichtraum der Rheumaliga, der mit dem Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel eingerichtet wurde, ist bis im März einmal in der Woche geöffnet. Dort kann man die Lichttherapie für sich ausprobieren. Eine weitere Funktion ist dort die soziale Komponente: Man trifft andere, kann Kaffee trinken, im Internet surfen, hat Kontakt. Einmal die Woche in den Lichtraum wäre natürlich zu wenig, um eine Winterdepression zu therapieren. Aber man kann sich dort beraten lassen oder auch, in Absprache, eine Lampe beziehen. Bei einer ärztlich diagnostizierten Winterdepression, also auf Verordnung, übernimmt die Krankenkasse die Kosten des Geräts.

Wo kann man sich konkret melden?

Bei der Rheumaliga kann man die Lampe beziehen, auch im Fachhandel, der erste Weg sollte immer zum Hausarzt führen. Psychiatrische Kliniken bieten zunehmend die Lichthterapie an, immer mehr auch private Psychiater. Man darf nicht vergessen: die Lichttherapie ist billiger als viele andere Therapien, man kann sie dosieren wie ein Medikament, ohne dass man deswegen etwas einnehmen müsste.

Letzte Frage: Wenden Sie von all diesen Erkenntnisse auch etwas für sich selber an?

Ja, irgendwie schon, jedenfalls gehe ich mit dem Velo zu Arbeit, und achte auf einen regelmässigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Einfach weil ich merke, dass es mir gut tut.

Lichtraum der Rheumaliga
Mittlere Strasse 35
Offen jeweils Donnerstag 8 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr

Der Besuch ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht notwendig.

Infos: Rheumaliga Basel, Rosmarie Lötscher, 061 269 99 51