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Männergesundheit im Wandel

„Männer kriegen ‘n Herzinfarkt…“

... sang Herbert Grönemeyer 1984. Sind das bloss Klischees? Eine Fachtagung zum Thema Männergesundheit und Migration ging der Frage nach. Männer müssen in die Gesundheitsvorsorge besser und individueller eingebunden werden. Denn eines ist sicher - Durchhalten, Härte zeigen und auf die Zähne beissen sind heute keine positiv besetzen Parolen mehr.

Männer haben Muskeln
Männer sind furchtbar stark
Männer können alles
Männer kriegen 'n Herzinfarkt….

sang Herbert Grönemeyer 1984. Vor 35 Jahren.

Alles bloss Klischees?

Dieser Frage auf den Grund gehen wollte die „Fachtagung Migration und Gesundheit“ der Abteilung Prävention des Gesundheitsdepartements zum Thema Männergesundheit, die Mitte November im Kleinbasler Restaurant Union auf grosses Echo stiess.

Denn wiewohl es die Hälfte der Menschheit konkret betrifft, führte Regierungsrat Lukas Engelberger in seinem Grusswort aus, sei Männergesundheit ein lange vernachlässigtes Thema. So weiss man seit langem, dass es deutliche Geschlechtsunterschiede hinsichtlich Mortalität und dem Auftreten vieler Krankheiten gibt, so Engelberger weiter. Die Lebenserwartung von Männern liegt fast in allen Ländern weltweit unter jener der Frauen. Das Bundesamt für Gesundheit an nimmt an, dass Schweizer Männer mit Geburtsjahr 2016 dannzumal mit 81.5 Jahren eine um 3.8 Jahre tiefere Lebenserwartung haben als Frauen.

Doch wie kommen die Unterschiede zustande? Genügt das Mann-Sein allein als Erklärung?

Eigenschaften wie „Schmerz aushalten können“, „Zähigkeit zeigen“, „hart im Nehmen sein“ und „anderen nicht zur Last fallen“, das sind zwar Attribute, die mit Männlichkeit assoziiert werden, aber sie dienen ganz offensichtlich nicht dazu, dass sich Männer dabei gesund fühlen und gesund bleiben.

Spätestens seit der langangelegten „Klosterstudie“ (läuft seit 1997 in Deutschland/Österreich) aber weiss man, dass sich die Lebenserwartung von Frauen und Männern bei gleichen Lebensumständen angleichen. Die Ursache für die bekannten Unterschiede muss somit weniger mit Biologie als mit den unterschiedlichen Lebensumständen und Umwelteinflüssen zu tun haben.

Doch während Frauen sich eher sensibl um ihr Befinden kümmern, schneller ärztlichen Rat einholen, sich gesünder ernähren, weniger Alkohol konsumieren etc., haben Männer hinsichtlich Ihres Gesundheitsverhaltens nicht den besten Ruf.

Der typische Mann sei wenig gesundheitsbewusst, leistungsorientiert, und gehe eher Risiken ein, so heisst es. Und schon gar nicht geht er zum Arzt oder zur Vorsorge. Stärke, Härte, Coolness: Diese Männer gibt es, ohne Zweifel, doch geraten dabei leider alle anderen aus dem Blickfeld.

Was in dieser Diskussion nämlich zu kurz kommt: Die gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen an Männer, insbesondere an Väter, geben gewisse Schemen vor. So wird z.B. Teilzeitarbeit den Vätern selten ermöglicht oder gesellschaftlich zugestanden. Ausserdem wird immer noch vor allem von Männern die Übernahme von risikoreicheren Berufen erwartet – vom Bau über die Arbeit in der Industrie bis hin zum Militär.

Dementsprechend wurden und werden Jungen traditionell stärker auf Stärke und Risikobewältigung und weniger auf das Gespür für körperliche und psychische Beschwerden hin sozialisiert. Dieses aber wäre heilsam.

Die Fachleute an der Tagung waren sich einig, dass gerade von der Gesundheitspolitik vermehrt Strategien erwartet werden und mehr Angebote entwickelt werden müssen, die auf die männlichen Bedürfnisse Bezug nehmen. Und diese Bedürfnisse sollen ermittelt werden, ohne Klischees. Und zwar auch im Bereich der Migration. Männer, gerade auch mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, haben individuelle Bedürfnisse und sind sich selber dafür die besten Experten. Dass flächendeckend für das Thema sensibilisiert und auf die Männergesundheit ein differenziertes Licht geworfen wird, ist höchste Zeit und eine solche Tagung bereits ein vielversprechender Anfang,

Zum Weiterlesen:

Dinges, Männergesundheit im Wandel

Faktenblatt Männergesundheit Radix

Walter Hollstein in Basler Zeitung vom 28.08.2015