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Zahnpflege im Alter

Herzklappenprobleme oder Lungenentzündungen gehen nicht nur den Arzt, sondern auch den Zahnarzt etwas an. Neben handwerklichem Geschick müssen Zahnärzte zunehmend über die multidimensionalen Aspekte des Alterns Bescheid wissen, wie der ehemalige Basler Kantonszahnarzt Peter Wiehl und Fachmann für "Oral Geriatric Health" im nachfolgenden Interview darlegt.

„Alterszahnmedizin spielt eine zunehmend wichtige Rolle“

Herr Dr. Wiehl, per 1. Januar 2012 wurden Sie zum ersten Kantonszahnarzt des Kantons Basel-Stadt gewählt. Was sind die Aufgaben eines Kantonszahnarztes?

Peter Wiehl: Diese neue Funktion hängt mit dem neuen Gesundheitsgesetz zusammen, das anfangs 2012 in Kraft trat. Die Aufgabe des Kantonszahnarztes ist eine hoheitliche. Zentral ist die Qualitätssicherung in der Zahnmedizin. Im Kern geht es darum, die Aufsicht über Zahnärzte und Betriebe im Zahngesundheitswesen wahrzunehmen und den Patientenschutz zu gewährleisten.

Die Generation der Babyboomer kommt langsam ins Rentenalter. Beeinflusst der demografische Wandel Ihre Arbeit als Leiter des kantonsärztlichen Dienstes?

Altersmedizin spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Dieser neuen Herausforderung wird an der Universität Basel schon seit mehreren Jahren Rechnung getragen. Die Universität beginnt, sich vom Begriff Zahnmedizin zu lösen und versteht ihn umfassender als Oral Health, Zahngesundheit als Teil der gesamten Gesundheit und somit Alterszahnmedizin als Geriatric Oral Health. Ich bin seit vielen Jahren am Unterricht in Alterszahnmedizin beteiligt. Im Zentrum steht das Bemühen, den Studierenden den engen Zusammenhang zwischen Medizin und Zahnmedizin (Mundgesundheit) aufzuzeigen, und zwar sowohl den angehenden Hausärzten wie auch den zukünftigen Zahnärzten.

Peter Wiehl

Peter Wiehl übernahm wurde am 1.1.2012 die Stelle erster Kantonszahnarzt des Kantons Basel-Stadt. Der gebürtige Solothurner stand über 35 Jahre in den Diensten des Kantons Basel-Stadt, davon über 25 Jahre im Gesundheitsdepartement. Heute ist Peter Wiehl pensioniert.

Wie sieht die Ausbildung von Zahnärzten im Zeitvergleich aus?

Früher wurde der Beruf Zahnarzt noch viel stärker als eine primär mechanische akademische Tätigkeit verstanden. Die engen Wechselwirkungen zwischen allgemeiner Gesundheit und Zahngesundheit sind mit den demografischen Verschiebungen stärker ins Bewusstsein gerückt und haben sich auch in der Ausbildung entsprechend niedergeschlagen. Als ich 1972 Zahnmedizin studierte, bestanden die gemeinsamen Unterrichtsstunden mit den Medizinstudenten vorwiegend in den Grundlagenfächern wie Physik, Chemie, Anatomie und Physiologie.

Können Sie ein Beispiel für diesen engen Zusammenhang zwischen Medizin und Zahnmedizin nennen?

Man hat beispielsweise festgestellt, dass mit einer guten Zahnpflege in Heimen bis zu 50 Prozent der Lungenentzündungen verhindert werden können. Denn verantwortlich für Lungenentzündungen sind oft Bakterien aus dem Zahnbelag (Plaque).Auch bei Herzklappenproblemen ist nach heutiger Ansicht die gute Zahnpflege die wichtigste Prophylaxe zur Verhinderung einer gefährlichen Endokarditis (Entzündung der Herzinnenhaut). Die Krankenkassen tragen diesem Umstand Rechnung. Wer von seinem Arzt einen Endokarditisausweis erhalten hat und seine Zähne mehr als zweimal pro Jahr kontrollieren und professionell reinigen lässt, wird über das Krankenversicherungsgesetz finanziert.

Ältere Personen nehmen vielfach täglich mehrere Medikamente zu sich. Was gilt es dabei aus zahnmedizinischer Sicht zu beachten?

Das hat oft einen Einfluss auf die Mundtrockenheit. Der Grund für die Mundtrockenheit liegt in einer Nebenwirkung vieler Medikamente, wodurch die Menge des Speichels abnimmt. Der Speichel schützt nicht nur die Mundschleimhaut vor Austrocknung, sondern ermöglicht eine Heilung kleinster Mikroentkalkungen der Zähne, wie sie jeden Tag entstehen und als biologisch normal zu betrachten sind.

Wie oft sollte jemand seine Zähne idealerweise jährlich kontrollieren lassen?

Das hängt vom Alter, vom Gesundheitszustand und der Fähigkeit der guten häuslichen Zahnpflege ab. Bei rüstigen Rentnern genügt in der Regel eine Kontrolle mit professioneller Zahnreinigung pro Jahr. Personen mit gewissen Funktionseinschränkungen, also auch Ältere, die kognitiv nur noch bedingt in der Lage sind, ihre Zähne zu putzen, würde ich einen mindestens zweimaligen Kontrollbesuch samt professioneller Zahnreinigung pro Jahr empfehlen. In Heimen, wo die Zahnpflege teilweise oder ganz vom Pflegepersonal wahrgenommen wird, sollten Betroffene ihre Zähne drei bis viermal pro Jahr kontrollieren und professionell reinigen lassen. Auf diese Art können grössere Entzündungen oder auftretende Karies rechtzeitig erkannt werden. „Notfallübungen“ mit akuten Schmerzen nehmen dadurch ab, und die Lebensqualität der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner immt zu.

Dem Heimpersonal fehlt doch oft die Zeit, warum kommt der Zahnarzt nicht ins Heim?

Falls dem Personal in den Heimen die Zeit für eine genügende Mundpflege fehlt oder nicht zugestanden wird, besteht die Gefahr, dass Wechselwirkungen von Plaquebakterien oder Entzündungen in der Mundhöhle sich negativ auf die allgemeine Gesundheit auswirken. Irgendwann haben die Senioren dann Zahnweh und rufen nach dem Zahnarzt.

Nicht alle Zahnärzte kommen in die Heime, sodass entweder ein „mobiler Zahnarzt “ gesucht werden oder mit grossem Aufwand und Kostenfolge ein Transport (Hin und Zurück) organsiert werden muss.

Was halten Sie von mobilen Zahnarzteinrichtungen, die zu den Patienten gehen statt umgekehrt?

Eine Stiftung im Kanton Zürich verfügt über eine solche Einrichtung. Im Kanton Basel-Stadt werden mobile Untersuchungs- und Behandlungswagen nur für die Schulzahnpflege eingesetzt. In Städten und Agglomerationen bietet sich sicher eher die Möglichkeit, dass ein Zahnarzt, welcher seine Praxis in der Nähe eines Heimes hat, sich um die Patienten kümmert, die keinen eigenen „mobilen“ Zahnarzt mehr haben. Für ländliche Gebiete sind mobile Behandlungswagen eine Möglichkeit. Nur sollte man die ganze Logistik und deren finanzielle Abgeltung nicht unterschätzen. Es gibt aber auch mobile Zahnarztkoffer, mit welchen einfache Notfallbehandlungen und professionelle Zahnreinigungen gemacht werden können. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang, dass die Zahnbehandlungen eine privat finanzierte und keine staatliche Angelegenheit ist.

Wie liesse sich denn das Problem in Heimen lösen?

Wenn jemand in ein Heim überwiesen wird, geht das in der Regel mit einem ärztlichen Bericht einher. Somit weiss das Pflegepersonal, welche Medikamente in welcher Dosierung die Bewohner brauchen. Eine ähnliche zahnärztliche Überweisung mit Angaben von zahnmedizinischen Problemen und zahnärztlicher Mundpflegeanleitung (z.B. elektrische Schallzahnbürste, Dreikopfzahnbürste, normale Handzahnbürste, spezielle Mundspüllösungen etc.) fehlen bisher. Auch Hinweise, wie oft eine professionelle Zahnreinigung samt Kontrolluntersuchung durchgeführt werden sollte, sind bisher meist unbekannt. Zahnärztliche Eintrittsuntersuchungen von neuen Heimbewohnern finden meistens nicht statt. Bei ca. 30‘000 Neueintritten pro Jahr wäre dies auch nicht zu bewältigen. Da erscheint der vorgeschlagene zahnmedizinische Überweisungsbericht realisier- und bezahlbar.

Tut sich diesbezüglich etwas auf institutioneller Ebene?

Wir wollen zusammen mit der Schweizerischen Zahnärztegesellschaft SSO und vor allem mit den beiden lokalen Sektionen Basel-Stadt und Basel-Landschaft die Kommunikation nicht nur mit den Heimen, sondern auch mit den Hausärzten verbessern. Aufgrund des aktuellen Gesundheitszustandes kann dann besser entschieden werden, welche zahnmedizinischen Massnahmen sich aufdrängen. So kann bei beginnenden Demenzerkrankungen nochmals eine Zahnsanierung, eventuell mit Herstellung von Prothesen, erwogen werden. Kognitive Fähigkeiten für die Angewöhnung an den Fremdkörper „Zahnprothese“ sind meistens zu Beginn der Erkrankung noch vorhanden. In einem späteren Stadium kann eine Zahnprothese nicht mehr angepasst werden. Somit besteht die Gefahr, dass bei Entfernung der Zähne kein Zahnersatz mehr getragen werden kann. Zahn- und prothesenlose Senioren sind das Resultat der fehlenden Kommunikation zwischen Ärzten, Zahnärzten und den Pflegenden. Der Hausarzt, aber auch die Pflegenden können und sollen nach Rücksprache mit den Betroffenen oder deren Angehörigen den Zahnarzt rechtzeitig informieren, so dass noch zu einem guten Zeitpunkt eine Sanierung der Zähne vorgenommen werden kann. Diese dreipartnerschaftliche Sensibilisierung gilt es noch zu verbessern.

Dreikopfzahnbürste

Welche Rolle für die Zahngesundheit spielt die Wahl der Zahnbürste?

PW: Für ältere Personen mit gewissen manuellen Einschränkungen wie auch für Behinderte halte ich die Dreikopfzahnbürste für die geeignete Wahl. In einer Studie hat diese spezielle Bürste sehr gut abgeschlossen. Es gibt diese Dreikopfbürste auch als Schallzahnbürste. Prinzipiell empfehle ich Seniorinnen und Senioren, mit ihrem Zahnarzt oder Zahnärztin eine für sie geeignete Schallzahnbürste auszuwählen und ihre Zähne dann nur noch mit dieser Schallzahnbürste zu reinigen.

Weil sich im Alter der Knochen zurückbildet, die Zähne dadurch länger werden und der Zwischenzahnraum grösser wird, spielt auch die Grösse der sogenannten Interdentalbürste eine wichtige Rolle. Die beste Auskunft kann sicher der Zahnarzt geben.

Eine letzte Frage: Und was bewirkt Zahnseide?

PW Diesbezüglich herrscht geradezu ein Glaubenskrieg unter Zahnärzten. Ich würde Älteren mit kognitiven Defiziten von Zahnseide abraten. Ich empfehle prinzipiell die Zahnseide zur Entfernung von Speiseresten. Für die Reinigung zwischen den Zähnen halte ich die Interdentalbürste und die Schallzahnbürste mit ihren hydrodynamischen Effekt - die Zahnpasta drückt vermischt mit Speichel in die Zahnzwischenräume - für die beste Lösung.

SRF-TV-Bericht zum Thema:

Mundhygiene kommt in Pflegezentren oft zu kurz