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Mund- und Zahnpflege in der Praxis

«Immer am Ball bleiben!»

Christian Besimo, Titularprofessor für Alterszahnmedizin und patientenbezogene Kommunikation an der Universität Basel, ist Zahnarzt mit Zusatzausbildung als Gerontologe. Die fundierte Ausbildung seiner Studentinnen und Studenten gerade auch in der Alterszahnmedizin ist ihm ein grosses Anliegen: Ein Gespräch über Mund- und Zahnpflege im Alter:

Christian Besimo

Aelterbasel: Wieso ist Mundpflege im Alter so wichtig?

Christian Besimo: Die Zahn- und Mundgesundheit beim alternden Menschen hat einen grossen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden. Das darf nicht unterschätzt werden. Es geht nicht nur um den Erhalt aller Funktionen wie Kauen, Schlucken, Sprechen oder Schmecken. Auch der Appetit ist davon betroffen, ebenso das Aussehen, weitere Faktoren, die bewirken, ob man sich wohl fühlt oder nicht. Zahn- und Munderkrankungen sind ein sehr häufiger Teil der im Alter oft auftretenden Mehrfacherkrankungen (Multimorbidität). Stichworte sind Demenz, Depression, Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, Mangelernährung, Diabetes. Sogar ein Einfluss von Zahnverlust auf die Gangsicherheit im Alter wird diskutiert.

Stimmt es, dass man an Entzündungen in der Mundhöhle sterben kann?

Orale Infekte können lebensbedrohende Erkrankungen wie Lungenentzündungen oder Herz-Kreislauferkrankungen begünstigen - insofern stimmt das.

Kann man im Alter Karies bekommen, auch wenn man ein Leben lang seine Zähne gepflegt hat und regelmässig beim Zahnarzt und der Dentalhygienikerin war?

Das erneute Auftreten von Karies ist im Alter sogar sehr häufig. Die Multimorbidität hat die Einnahme einer zunehmenden Zahl von Medikamenten zur Folge, deren häufigste Nebenwirkung die Mundtrockenheit ist. Die vor Karies schützende Wirkung des Speichels fällt weg. Zudem stellt die Multimorbidität den alternden Menschen vor neue Herausforderungen im Alltag, die die Erhaltung der Mundgesundheit fälschlicherweise als nicht mehr so wichtig erscheinen lassen und zu einer Vernachlässigung der Mundhygiene und der zahnmedizinischen Betreuung führen. Allgemein gilt: Je stärker die Zahn- und Mundhygiene beeinträchtigt wird, desto wichtiger wird deren chemische Unterstützung durch karies- und entzündungshemmende Produkte und die professionelle Betreuung durch ein zahnmedizinisches Team.

Wie kann man als Angehörige die Zahn- und Mundpflege der älteren Menschen unterstützen?

Die heutigen Seniorinnen und Senioren sind grundsätzlich aufgrund der intensiven präventiven Anstrengungen sehr gesundheitsbewusst, auch gegenüber ihrer Mundgesundheit. Nehmen die Ressourcen für eine selbstbestimmte Gesundheitspflege ab, können Angehörige die Massnahmen unterstützen, die nicht mehr selbständig durchgeführt werden können. Eine zentrale Bedeutung hat der Zugang zu einer regelmässigen Betreuung durch ein professionelles zahnmedizinisches Team.

Wer bezahlt eigentlich die Zahnreinigung im Alters- und Pflegeheim? Oder bei Unterstützung durch die Spitex zuhause?

Grundsätzlich sind die präventiven Massnahmen durch die Patientin oder den Patienten selbst zu bezahlen, sofern nicht eine im Krankenversicherungsgesetz aufgeführte Allgemeinerkrankung Ursache einer Beeinträchtigung der Mundgesundheit ist. Zudem können Menschen, die Anrecht auf Ergänzungsleistungen haben, eine finanzielle Unterstützung beantragen. In beiden Fällen muss durch den Zahnarzt eine Kostengutsprache bei der entsprechenden Versicherungsstelle eingeholt werden.

Was tun, wenn sich die betroffenen Menschen gegen eine Mund- und Zahnreinigung wehren? Etwa Demenzerkrankte, die vielleicht gar nicht verstehen, was man von ihnen will und Angst haben?

Zahnmedizinische Interventionen sollen nutzen und nicht schaden. Bei pflegebedürftigen Betagten ist deshalb gewissenhaft abzuwägen, welche hygienischen und therapeutischen Massnahmen wirklich sinnvoll sind und zu einer Verbesserung des allgemeinen und oralen Wohlbefindens beizutragen vermögen.

Was sagen Sie dazu, dass es heisst, in den Alters- und Pflegeheimen könne die Mundhygiene schon rein aus zeitlichen Gründen oft nicht optimal gewährleistet werden?

Jede Institution bietet einen bestimmten Leistungsrahmen, der mehr oder weniger Hygieneleistungen zulässt, also auch solche im Zahn- und Mundbereich. Dieses Thema sollte deshalb bei der Wahl des künftigen Heimes unbedingt angesprochen und vorab geklärt werden.

Wie kann man späteren Problemen vorbeugen?

Hausarzt und Zahnarzt fällt eine wichtige Rolle zu, indem sie den Betreuungsrahmen den laufenden gesundheitlichen und psychosozialen Veränderungen im Leben des alternden Menschen rechtzeitig anzupassen vermögen. Wird ein Übertritt in eine Alters- oder Pflegeinstitution notwendig, so ist auch aus zahnärztlicher Sicht ein Bericht über die Zahn- und Mundgesundheit sowie die notwendigen Mundhygienemassnahmen zu Händen des Heimarztes und der Pflege sehr hilfreich. Erfolgte über mehr als ein Jahr keine zahnärztliche Kontrolle mehr, so sollte diese Untersuchung bei Heimeintritt nachgeholt werden, um evtl. notwendige Behandlungsmassnahmen erkennen und eine adäquate Zahn- und Mundhygiene sicherstellen zu können.

Wer ist da eigentlich verantwortlich? Die Personen selbst? Die Angehörigen? Das Heim? Der Hausarzt?

Grundsätzlich liegt die Verantwortung bei jedem Einzelnen. Aber wenn man sieht, dass der Weg zum Zahnarzt für den alternden Menschen immer schwieriger wird, muss die bisherige zahnmedizinische Betreuung überdacht und den nachlassenden Ressourcen des alternden Menschen angepasst werden. Je mehr das selbstbestimmte Handeln beeinträchtigt ist, desto wichtiger wird das Zusammenwirken von Angehörigen, ärztlichen und zahnärztlichen sowie pflegenden Fachpersonen. Und als alternder Mensch muss man sich einfach bewusst sein, wie enorm wichtig es ist, bezüglich Mund- und Zahngesundheit immer am Ball zu bleiben.

Für Anfragen

Universitäres Zentrum für Zahnmedizin der Universität Basel UZB, Klinik für Rekonstruktive Zahnmedizin, Hebelstrasse 3, 4056 Basel, Tel: 061 267 26 31