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Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger zur Alterspolitik

"Alterspolitik ist oft Gesundheitspolitik"

Wo sieht der Basler Gesundheitsdirektor die grössten Herausforderungen in der Alterspolitik? Wie sieht er beispielsweise die Chancen der älteren Arbeitnehmer auf dem Markt? Welche Wohnformen muss man fördern? Ein paar Antworten zu ein paar Fragen, gestellt anlässlich der feierlichen Eröffnung des Alterszentrums Gellerthof auf dem Bethesda Areal.

Regierungsrat Lukas Engelberger bei der Eröffnung des Gellerthof

Als „junger Familienvater“ mit drei kleinen Kindern - welchen Bezug haben Sie persönlich zum Alter?

Den gleichen Bezug, wie ihn alle haben, es kommt auf uns zu, und man muss sich damit rechtzeitig auseinandersetzen. Wenn man seine eigenen Grosseltern erlebt hat, hilft das bei dieser Auseinandersetzung.

Wo möchten Sie leben, wenn Sie alt sind?

Nah bei der Familie, nicht unbedingt im gleichen Haus, aber im engen Kontakt mit ihr. Wie jedermann möchte ich möglichst lange autonom leben, in den eigenen vier Wänden. Mit unserer Alterspolitik wollen wir in Basel-Stadt fördern, dass dereinst jeder alte Mensch selber entscheiden kann, wo er leben möchte. Mit ausdifferenzierten Hilfsangeboten, möglichst stufenartig und bedarfsgerecht. Wer nur wenig Unterstützung bedarf, soll gezielt das Hilfsangebot beziehen können, das er braucht, soll Schritt für Schritt ausbauen, bis zu dem Punkt, an dem er, dann vielleicht im Heim, umfassend Pflege und Unterstützung braucht.

Also ein weiter ausgebautes und nuancierteres Angebot, als es schon heute zur Verfügung steht?

Den individuellen Bedürfnissen noch besser entsprechen können, das ist schon unser Ziel. Mehr ärztliche Betreuung, mehr Pflegeleistungen, die direkt und individuell bezogen werden können, beispielsweise, indem man in die Nähe eines Altersheimes umziehen kann und dann Zugang zu dessen Alarmsystem hat. Solche Zwischenformen, die den älteren Menschen in seiner Selbständigkeit unterstützen. Das muss sich noch entwickeln, es muss sich zunehmend ein Markt dafür bilden. Es gibt heute schon Residenzen, die mit dieser Philosophie gebaut werden, es wird sich zeigen, welches Modell sich durchsetzt.

Was sind die grossen Herausforderungen der Alterspolitik?

Meiner Ansicht nach besteht die grösste Schwierigkeit in der langen Dauer der Planung und Umsetzung. Wir müssen heute ein Angebot planen, finanzieren, bereitstellen für Seniorinnen und Senioren in zehn, vielleicht zwanzig Jahren. Was die dann wirklich wünschen, können wir nicht wissen. Wir gehen davon aus, dass es mehr Autonomie sein wird, etwa beim Beispiel von Alterswohnungen, die Generationenwohnen zulassen in der Nähe eines Altersheims.

Wollen Sie das heutige Altersbild verändern? Ein Beispiel, ganz anderes Thema, ein Stellensuchender ab 50, welche reale Chancen hat er auf dem Arbeitsmarkt?

Man hört, dass über 50-Jährige Schwierigkeiten haben, wenn sie nicht gut qualifiziert sind. Und dass ältere Arbeitnehmer Mühe haben, wenn sie arbeitslos geworden sind, da suchen sie vermutlich länger als jüngere. Aber mein Eindruck ist, dass heute verstärkt das Potential der Älteren erkannt wird, ihre Erfahrung. Heute gibt es ja leider einen grossen Druck, die Einwanderung in unser Land einzuschränken. Das wird dieser Erkenntnis Auftrieb geben. Man wird auch über 50-Jährige und möglicherweise über das Pensionsalter hinaus im Arbeitsprozess behalten wollen, einfach, weil man auch auf sie angewiesen sein wird. Das deckt sich mit dem Potentialansatz: Das Alter positiv sehen. Wir alle können länger produktiv sein, aktiv sein, als dies noch vor Jahrzehnten der Fall war. Die Barriere 65 ist ein Anknüpfungspunkt, der in den Sozialversicherungen so festgelegt wurde, aber er ist nicht einfach das Ende des Erwerbslebens.

Aber noch besteht sie, diese Barriere. Ein 65-Jähriger ist heute einfach nicht „sexy“ auf dem Arbeitsmarkt. Wie also soll diese Bewusstseinsänderung erfolgen?

Ich denke, wir sind bereits dort. Das sehen wir an den Arbeitslosenzahlen: die Arbeitslosigkeit bei den Älteren ist nicht hoch. Natürlich wird es immer Leute geben, die unglücklicherweise die Qualifikationen nicht haben, die gerade gefragt sind. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Arbeitgeber heute schon dahin tendieren, die älteren Mitarbeitenden im Betrieb zu halten, ihr Knowhow und ihre Erfahrung zu nutzen, allenfalls mit einem reduzierten Pensum. Soweit dies überhaupt gewünscht ist. Ab 65, das ist klar, müssen die Sozialwerke, AHV und Pensionskasse, die Existenz materiell sichern. Man bleibt, weil man Freude hat am Beruf, und nicht weil man muss.

Im Moment leisten ältere Menschen noch immer unverhältnismässig viel Freiwilligenarbeit. Gibt es Pläne, diese zu entlöhnen?

Nein. Freiwilligenarbeit lebt davon, dass sie freiwillig ist und unentgeltlich. Anders ist es etwa bei der Pflege von Angehörigen, die nicht zu einem materiellen Nachteil führen sollte. Da kennen wir heute schon die Betreuungsgutschriften und die Beiträge an die Pflege zuhause.

Brauchen die älteren Menschen als Gruppe überhaupt diese gesonderte Behandlung mit einer Alterspolitik? Auf dem Arbeitsmarkt? Führt das nicht erst recht zu einer Stigmatisierung?

Die besondere Behandlung ergibt sich schon allein daraus, dass zum einen jeder Mensch sich irgendwann mal aus dem Erwerbsleben verabschiedet, und zweitens gegen das Lebensende, bei den einen früher bei den andern erst später, der Bedarf an medizinischer Unterstützung gross ist. Daraus ergibt sich nicht nur die Berechtigung, sondern auch die Verpflichtung, für ältere Menschen ein eigenes Angebot zu schaffen, ihnen Informationen zu vermitteln, eine Alterspolitik zu formulieren. Alterspolitik ist sehr oft Gesundheitspolitik, aber sie greift in alle Lebensbereiche. Wohnen im Alter ist kein eigentliches gesundheitspolitisches Thema, und dennoch spielt die individuelle Wohnsituation gerade in späteren Lebensjahren eine eminent wichtige Rolle für ein zufriedenes und gesundes Leben.