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Podium mit Aeschbacher

Zur Vorstellung ihrer Massnahmen „Generation 60 plus“ lud die Gemeinde Riehen zum Podiumsgespräch mit Fernsehmoderator Kurt Aeschbacher. Ein Abend, spannungsgeladen, emotional, eindrücklich! Was es heisst, 65 zu werden. Und vom schier unglaublichen Unterfangen, die 93-jährige Mutter betreuen zu lassen.

Altwerden: Nichts für Feiglinge aber spannend

Der Saal ist randvoll, viele ältere, ein paar sehr alte Menschen darunter, und nicht wenig junge Gesichter mittendrin, eine aufgeräumte Stimmung, auf dem Podium der Publikumsmagnet, Kurt Aeschbacher, Moderator von hunderten von TV-Sendungen, begnadeter Interviewer. Thema: „Altwerden ist nichts für Feiglinge“, vorgestellt wird der neue „Massnahmenkatalog Generation 60plus“ der Gemeinde Riehen.

Alterspolitik. Ein Thema, das gewöhnlich nicht als Gassenfeger bekannt ist.

Gemeinderätin Annemarie Pfeifer-Eggenberger im Interview mit Kurt Aeschbacher, der im Oktober 65 wird, also das Pensionsalter erreicht, später auf dem Podium sitzen Riehener Politgrössen, von Salomé Hofer,27, bis Fritz Weissenberger,75.

Vorneweg: es ist unglaublich spannend, was auf diesem Podium zur Sprache kommt, die Gespräche sind persönlich, man könnte die berühmte Stecknadel im Saal fallen hören.

Kurt Aeschbacher, auf die Frage, wie alt er sich nun fühle, mit bald 65: „Ich fühle mich jung, mit meinen Sendungen jedenfalls höre ich noch lange nicht auf." Er sei ein grosser Kämpfer gegen starre Regeln und Zahlen. Stichwort Flexibilisierung des Rentenalters: „Jeder muss doch selber entscheiden können, wann er aufhört. Alter ist keine Krankheit, sondern ein Zustand."Wie die Jugend auch. Das Wichtigste beim Älterwerden sei wohl die Sinnfindung, was fange ich an mit meiner freien Zeit, politisch, persönlich, gesellschaftlich. Aktiv bleiben, sich immer wieder neu orientieren und vor allem: andern etwas geben, zeitlich, materiell. „Warum nicht eine junge Studentin unterstützen, die Grosskinder, die alte Nachbarin vis-à-vis?“ Er lacht, „Gutes tun tut schampar gut!“, der Saal klatscht. Und überhaupt, sein Problem sei nicht sein eigenes Alter, sondern das Alter seiner Mutter, die 93-jährig, vor neun Monaten, von einem Tag auf den andern, pflegebedürftig wurde.

Und was jetzt folgt, ist die Schilderung einer ganz alltäglichen Situation, so intensiv, dass allen im Saal der Atem stockt. Wie der Sohn für seine Mutter eine Pflegehilfe sucht, von Spitexleistungen, die im 10-oder 25-Minuten-Takt abgerechnet werden, während es doch um die Rund-um-die Uhr-Versorgung geht, er in Zürich, die Mutter in Bern, bis er eine private Pflegehilfe bucht, was sage und schreibe 21'000 Franken verschlingt, pro Monat, und das kleine Vermögen der Mutter, die ihr Geld doch für den Sohn aufgespart habe, wegschmelzen liess, und wie auf eine Pflegehilfe aus dem Osten ausgewichen wird, die ihren Job tadellos versieht, und mit dem moderaten Lohn, mehr als der in der Schweiz geltende Mindestlohn, plus freie Kost und Logis zufrieden ist. Alle waren zufrieden, die Pflegerin, die Mutter, der Sohn, allein, eine Arbeitsmarktaufsichtsbehörde schaltet sich ein, und die Story endet damit, dass die Pflegehilfe ausser Landes verwiesen wird, und der Sohn, beruflich voll eingespannt, bei dieser und vielen anderen Behörden verzweifelt fragt: “Was mache ich mit meiner Mutter? Wer schaut zu meiner Mutter?“ Die Antwort: „Tun Sie sie ins Altersheim, dann übernimmt der Staat die Kosten.“ Aber es müsse schon ein Heim in Bern sein, denn am Wohnort des Sohnes, im Kanton Zürich, da habe die Mutter ja keine Steuern gezahlt, das gehe nicht. Schliesslich habe ein evangelischer Pfarrer zustande gebracht, dass die Mutter nun doch einen Altersheim-Platz in der Nähe des Wohnorts des Sohnes bekommt. „ Am Montag“, sagt Aeschbacher, „kann ich sie in ihr neues Heim bringen, dieses so lang in meiner Nähe gesuchte Zimmer im Heim, und komme mir vor wie ein Sauhund! Wie soll ich meiner Mutter erklären, dass sie von jetzt ab im Heim leben muss?“

Die Odyssee, eine Realstory, eröffnet die Diskussion an diesem Abend, bei der ganz klar wird, was Sache ist: Altwerden ist zwar keine Krankheit, aber die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind noch lange nicht erfüllt, dass die Übergänge in die verschiedenen Lebensphasen schmerzlos ablaufen.

Dass daran gearbeitet wird, bezeugt der an diesem Abend vorgestellte „Massnahmenkatalog Generation 60plus“

Die Broschüre „60plus - Nützliches und Interessantes für Einwohnerinnen und Einwohner von Riehen und Bettingen“ kann bezogen werden bei der Gemeindeverwaltung Riehen, Wettsteinstrasse 1, 4125 Riehen.