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Porträtreihe Basler Köpfe

Wer uns auffiel: Basler Köpfe

Lukas M. Stoecklin – «Heimatschutz-Taliban»

Mit offenem Blick und wachem Geist hat er seine Stadt fotografiert, seine verschwundene Stadt, dokumentierte mit dem Fotoapparat Basels Bau und Abrissgeschichte. Dank dieser Leidenschaft eines Journalisten und profunden Kenners sind uns Fotografien längst verschwundener Gebäude und Strassenzüge erhalten geblieben. Dem ersten Band "Verschwundenes Basel" wird bald der nächste folgen - ein Auswahl aus Tausenden von unbekannten Fotografien.

Lukas M. Stoecklin: Scharfer Blick für Historisches

Ein guter Kollege nannte ihn einmal "Heimatschutz-Taliban». Dieser Titel verblüffte ihn erst und freute ihn dann und tatsächlich trifft er die Sache bis auf den heutigen Tag haargenau: Lukas M. Stoecklin, Journalist und promovierter Jurist, ist der Wächter seiner Heimatstadt, besser, Schützer der verloren gegangenen Stadt Basel. Seit frühester Jugend hat er dem Untergang gewidmete Gebäude fotografiert, immer kurz bevor die Abrissbirne zuschlug. Und wo das jeweils stattfand, darüber informierte das Kantonsblatt. Man musste es nur zu lesen wissen. Bekanntlich mussten - vor allem in den 50iger bis 70iger Jahren - ganze Strassenzüge einer geradlinigen Verkehrsführung weichen, wurden Opfer einer Städteplanung, über die man heute einfach die Hände über dem Kopf zusammenschlagen könnte. Ob wundervolle Stadtpalais oder verwinkelte Häuschen oder ganze anmutig gewachsene Häuserzeilen, so vieles musste weichen, um dem «Fortschritt» oder vielleicht schlicht dem Profit Platz zu machen.

Aufgewachsen ist der heute bald 80-Jährige in der Aeschenvorstadt, Sohn eines Bildhauers und einer Kunsthändlerin, in einer Zeit, als seine Welt baulich noch in Ordnung war. Doch dann bekam er es erstmals hautnah mit, quasi vor der eigenen Haustür, als der «Drachen», das Gebäude, das so selbstverständlich in sein Strassenbild passte, niedergewalzt wurde. Da war er 13 und er hielt das Unfassliche mit seiner ersten Kamera fest. Später verfolgte er fotografisch, wie eine riesige Schneise in die Hinterhöfe zwischen Elisabethenstrasse und Aeschengraben geschlagen wurde, um Platz für das neue Realgymnasium zu schaffen. Das war die Schule, die er dann auch selbst besuchte. Dokumentarisch hielt er fest, was in Schutt zerbröselte, ganze Altstadtpartien, Handwerkshäuschen im Kleinbasel, prunkvolle Anlagen an der Hebelstrasse, gotische Fenster, jahrhundertealte Balken, Beschläge, Einfriedungen, Balkone, wie alles und sei es noch so unersetzlich, in Schuttmulden landete. Solcher Anblick weckte in der Tat den Taliban in dem ansonsten so Sanftmütigen: Schon in jungen Jahren, noch keine zwanzig, trat der Basler Journalist und später promoviert Dr.iur. dem Basler Heimatschutz bei, seit 1991 ist er Vorstandmitglied der Freiwilligen Denkmalpflege, vieles hat er angestossen, doch wenig konnte letztlich wirklich verhindert werden.

Der alte Besenstil, das alte Atlantis, an deren Stelle trat das Kino Plaza, auch schon Vergangenheit...

Doch etwas ist geblieben: Ein reiches und wahrlich wichtiges Werk das Lukas M. Stoecklin in diesen über sechs Jahrzehnten zusammengetragen und der Nachwelt erhalten hat, dank seinem Brennen für historische Bausubstanz. Geschätzte 70 - 80'000 Fotografien sind so zusammengekommen. «Mit dem Geld, das ich dafür aufgewendet habe, hätte ich mir wohl locker ein Einfamilienhaus leisten können, lächelt er heute, im Garten einer Allschwiler Dorfbeiz, wo wir uns die zweite Auflage seines Buches «Verschwundenes Basel» anschauen.

Ein wunderbares Buch, das einen auf die Reise mitnimmt in eine Stadt, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit existiert hat. Gerührt erkennt man etwa das Kaufhaus «Knopf» vor dem man als Kind gestanden ist, oder das alte Restaurant Glock an der Brunngasse, streift durch Gassen, die schon längst im Beton aufgegangen sind, verfolgt den Abbruch des alten Stadttheaters oder schaut in die Hinterhöfe und Ställe des ehemaligen Rosshofs. Es geht ihm nicht um «sinnlose Sentimentalität» wie er im Vorwort festhält, nicht um beschönigende Nostalgie, sondern um das Retten der Erinnerung. Er wollte den Blick auf das Verschwundene und leichtfertig Aufgegebene lenken, diesen Blick, der durch die entstandene Baulücke erst ermöglicht wurde, wollte Ansichten und Sichtwinkel festhalten, denen die bekannten Fotografen damals keine Beachtung schenkten. Er macht den Bau hinter dem Bau sichtbar.

Zusammen mit Verleger und Kollege Daniel M. Cassadey, der bereits den ersten Band ermöglicht hat, soll nun ein zweiter Band entstehen. Denn das Interesse an diesen Bildern ist gross: Das zeigt die wachsende Zahl der Facebook-Gemeinde. Über 470 Followerinnen und Follower hat die gleichnamige Facebookseite «Verschwundenes Basel» mittlerweile, was ihn natürlich freut und erstaunt. Eigentlich meint er, hat das Internet den Erfolg des Buchs, das in ganz andere Zeiten verweist, ermöglicht. Fast schon Ironie des Schicksals.

Das Buch ist in Basler Buchhandlungen erhältlich und kostet CHF 65.--
Lukas M. Stoecklin «Verschwundenes Basel»
Historische Amateuraufnahmen von verschwundenen Gebäuden und Anlagen der Stadt Basel zwischen 1950-1970, Buch gebunden, 117 Seiten, Herausgeber Daniel M. Cassaday, VB Verlag Basel