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Migranten kommen in die Jahre

Immer mehr Migrantinnen und Migranten kehren nach der Pensionierung entgegen ursprünglichen Plänen doch nicht in ihre alte Heimat zurück. Sie verbringen ihren Lebensabend in der Schweiz. Als diese erste Generation – vornehmlich Italiener, Spanier und Portugiesen – in den sechziger Jahren als Saisonarbeiter in die Schweiz kam, spielten Deutschkenntnisse noch eine völlig untergeordnete Rolle. Gefragt war vor allem Muskelkraft auf den Baustellen.

Nach Angaben des Bundesamtes für Migration lebten Ende Dezember des vergangenen Jahres 60317 Ausländerinnen und Ausländer im Kanton Basel-Stadt. Nahezu 10000 ausländische Personen im Kanton waren zu diesem Zeitpunkt über 55 Jahre alt. 696 von ihnen hatten bereits das achtzigste Altersjahr überschritten. Das Thema Migration im Alter wird in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Zunehmen wird auch die Heterogenität der Migrationsbevölkerung.

Auf dem politischen Parkett tut sich bereits einiges. „Haben wir eine Alterspolitik, die auch Migranten und Migrantinnen gerecht wird?“ lautet die erste von neun Fragen, welche die Basler Grossrätin Gülsen Oeztürk vor kurzem der Regierung stellte. Die schriftliche Antwort liegt nun vor. Die Exekutive differenziert zuerst zwischen der Alterspolitik, welche in der Vergangenheit stark auf den Pflegebedarf ausgerichtet war, und der neu dazugekommenen Seniorenpolitik. Diese hat tendenziell ein jüngeres, mobileres Publikum im Visier, die Zielgruppe 60 plus. Im Rahmen dieser Seniorenpolitik richtet sich die regierungsrätliche Politik auf zehn Leitlinien aus, die auf dieser Homepage (www.seniorenbasel.ch) im Wortlaut wiedergegeben werden. Die Regierung zieht grundsätzlich das Fazit, dass sich sowohl die Senioren- wie auch die Alterspflegepolitik an die gesamte Kantonsbevölkerung wendet.

Die Fragen im Vorstoss von Gülsen Oeztürk gehen noch nicht in die Tiefe. Ideen seien zwar vorhanden. Ganz konkrete Forderungen werden aber noch keine angemeldet. Das hat seinen Grund. „Wir sind erst daran, die Bedürfnisse der Migrantinnen und Migranten genau abzuklären“, sagt die Politikerin mit türkischen Wurzeln im Gespräch. Zusammen mit ihrem Grossratskollegen Mustafa Attici habe sie das Gespräch mit muslimischen Gruppierungen aufgenommen.

Klar ist für Gülsen Oeztürk, dass von der ersten Ausländergeneration nicht mehr erwartet werden dürfe, dass sie die deutsche Sprache lernten. Vielmehr sollten die Älteren die Möglichkeit haben, ihre Anliegen in ihrer Muttersprache vorzubringen und dies zum Beispiel in altersgerechten Kursen zu lernen. Grossen Wert legt die Politikerin zudem auf mehr Hilfestellungen in der Information. Man müsse die Welt sicher nicht neu erfinden, sagt sie. Bestehende Angebote des Staates sollten mit anderen Worten aber „greifbarer“ gemacht werden. In älteren Migrantenkreisen sei vielfach noch zuwenig bekannt, welche Möglichkeiten und Rechte einem zustünden. Sie erwähnt das Beispiel einer berufstätigen Kurdin, die nicht weiss, dass sie ein paar Stunden bezahlte Hilfe für die Pflege ihrer Mutter erhalten würde – und auch nicht weiss, wo sie diese Information beziehen kann.

Last but not least sind auch Wohnmodelle ein Thema in Oeztürks Vorstoss. Die Regierung verweist auf ein paar bereits existierende Wohnangebote für ältere Migranten, so einzelne Stockwerke im Alters- und Pflegeheim Holbeinhof für Menschen mit jüdischem Glauben. Ebenso erwähnt sie das Alterszentrum Falkenstein, das teilweise von Migrantinnen und Migranten aus dem südeuropäischen Raum bewohnt werde. Hervorgehoben wird, dass Alterseinrichtungen im Kanton Basel-Stadt durch private Trägerschaften gebaut und betrieben werden.

Gülsen Oeztürk ist überzeugt davon, dass türkische Altersheime in Basel eines Tages genauso zum Stadtbild gehören werden wie heute türkische Läden. Beliebt seien Altersheime in der Türkei übrigens überhaupt nicht. „Das wird als Strafe empfunden“. Das Schicksal, den Lebensabend im Altersheim verbringen zu müssen, bleibe der ersten Generation an Migrantinnen und Migrantinnen in Basel immerhin noch erspart. Denn die meisten dieser Älteren würden noch von Familienangehörigen betreut. Doch diese Zeit gehe langsam vorbei.

Zum Weitlerlesen: Alter und Migration: Wie pensionierte Migrantinnen und Migranten in der Schweiz leben, Zeitschrift Zeitlupe, Heft 6 2011

Artikel Zeitlupe