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Eine neue Form, Konflikte zu lösen

Ein Zweig der Familienmediation: Elder Mediation

Gutes Altern und Zusammenleben

Ein Gespräch mit der Berner Journalistin, Gerontologin und freischaffenden Mediatorin Gerlind Martin

Älterbasel: Mediatoren gibt es mittlerweile für alle Lebenslagen und Lebensprobleme. Warum braucht es noch spezifisch Elder Mediation? Inwiefern spielt die Demografie eine Rolle?

Es ist so: Wir werden älter. Viele Familien umfassen heute vier, manchmal fünf Generationen. Nach der Pensionierung eröffnen sich Frauen und Männern zwanzig, dreissig und mehr Lebensjahre ohne das Zeitkorsett der Arbeit. Die Lebens- und Alltagsgestaltung fordert alle neu heraus: Frei gewählte Veränderungen und Entwicklungen sind möglich, eine neue Partnerschaft, neue Wohnform, neuer Wohnort, Reisen, freiwillige Engagements, aktive Grosselternschaft, Sinnsuche.

Verpflichtungen oder Schicksalsschläge können den Alltag prägen. Die Pflege der alten Eltern zum Beispiel, Krankheiten, Sterben und Tod von nahestehenden Personen, eigene Einschränkungen, die eigene Endlichkeit, oder generell die eigene Zukunft. Zahlreiche Fragen stellen sich neu oder anders als in jüngeren Jahren.

Was sind die typischen Probleme oder Herausforderungen, mit denen sich ein Mediator, eine Mediatorin da konfrontiert sieht?

Beziehungsfragen, Nachfolge- und Erbregelungen, Pflege: Weil gewohnte Bedingungen des Arbeits- und Familienlebens nach der Pensionierung wegfallen oder anders aussehen, erleben viele Personen völlig neue Situationen. In der Mediation können sowohl aktuelle Situationen besprochen werden, als auch zukünftige (Pensionierung, Alltag, Umzug, Krankheit, Vorsorge usw.). Allerdings wenden sich noch nicht allzu viele Leute bei solchen Gelegenheiten an eine Mediatorin, einen Mediator.

Vielen Probleme, die sich im Alter stellen (zB wer pflegt die alte Mutter, wie soll man bei absehbaren Erbstreitigkeiten unter Geschwistern vorgehen?) könnten doch auch familienintern geregelt werden? Was bringt eine Fachperson von aussen an Vorteilen?

Sie bringt Ruhe, schafft Raum für die unterschiedlichen Meinungen und ermöglicht die Diskussion. Eine Mediatorin, ein Mediator sucht nicht nach der Wahrheit, weiss nichts besser – hört zu, sorgt dafür, dass alle Beteiligten ihre Meinungen und Wünsche vorbringen können und gehört werden, unterstützt sie beim Finden eigener Lösungen. Oft führen die Beteiligten ihr in der Mediation angefangenes Gespräch ohne Begleitung weiter.

Menschen verändern sich im Alter, oft nicht nur, was die Physis betrifft. Älteren wird oft nachgesagt, sie seien auch ablehnender, skeptischer gegenüber Neuen. Sehen Sie das auch so? Wenn ja, hat das Auswirkungen auf Ihren Umgang mit älteren Menschen?

Ich halte nichts von Altersstereotypen und -vorurteilen. Jede Person ist anders – sowohl verglichen mit der jüngeren „Ausgabe“ ihrer selbst, als auch verglichen mit Gleichaltrigen. Interessanter finde ich, herauszufinden, welche Haltungen, Werte und Motive das Handeln oder nicht Handeln einer Person prägen. Ein Beispiel: Meine Mutter lehnt die von mir organisierte Betreuung ab, sie will selber tun, was sie noch tun kann. Sie braucht weniger Sicherheit als ich denke, und sie nimmt in Kauf, alleine zu sein, wenig Service zu erhalten, Fehler zu machen. So bin ich herausgefordert, zu unterscheiden, welche Motive mich treiben und welches die Bedürfnisse des Gegenübers sind.

Inwiefern beschäftigt Sie das Thema Demenz in ihrer Tätigkeit? Wie gehen Sie als Mediatorin damit um? Ebenso mit Todeswünschen?

Ich gehe sorgfältig damit um. Die Werte, Wünsche, Motive, Bedürfnisse der an einem Mediationsgespräch Beteiligten sind stets unterschiedlich – es gilt nie das Gleiche für alle. Wenn es um ihre Wünsche und Gefühle geht, kann eine an einer Demenz erkrankte Person meist gut an einem (Mediations-)Gespräch teilnehmen, auch wenn sie die konkrete Umsetzung von Regelungen oder finanzielle Fragen nicht mehr überblicken kann. In einer Mediation sollte dann eine erkrankte Person von einer mit ihr vertrauten Person begleitet oder vertreten werden.

Kinder haben manchmal die Tendenz, ihre Eltern quasi zu bevormunden und zu wissen, was für sie gut ist. Stellen Sie das auch fest? Und was empfehlen Sie solchen Jungen?

Es ist eine wichtige und nicht einfache Entwicklungsaufgabe, die Mutter, den Vater als eigenständige Person mit eigener Lebensgeschichte zu akzeptieren. Sich zu verabschieden von der Vorstellung, wie man die eigene Mutter, den Vater gerne gehabt hätte. Erwachsene Kinder um die 50 gehen oft durch eine Krise, bevor sie erkennen, dass sie ihre Eltern nicht (länger) verantwortlich machen können für ihr Leben. Idealerweise gestalten sie einen Rollenwandel, übernehmen mehr Verantwortung, ohne einen Rollentausch zu vollziehen, ohne dabei die Eltern erziehen und bevormunden zu wollen. Töchter und Söhne bleiben immer Töchter und Söhne, es ist nie ihre Aufgabe, zu Eltern ihrer Eltern zu werden.

Gehört es auch zur Aufgabe einer Elder Mediation, das Potential von älteren Menschen auszuloten?

Es hilft, wenn MediatorInnen das Potenzial, die Ressourcen aller an einem Mediationsgespräch Beteiligten erkennen und ansprechen. Weil Altersstereotype allerdings oft vorgeben, ältere Personen hätten vor allem Defizite, ist hier eine besondere Sensibilität wichtig.

Wie gehen Sie als Mediatorin konkret vor? Gibt es so etwas wie Leitfaden in Ihrer Branche, ein strukturiertes Vorgehen? Braucht es eine Spezialausbildung?

Ich bin Journalistin mit Ausbildungen in angewandter Gerontologie und in Familienmediation. Als Mediatorin profitiere ich enorm von meinen gerontologischen Kenntnissen. Viel gelernt habe ich von kanadischen Mediatoren, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen unermüdlich auch in Europa – und in enger Zusammenarbeit mit hiesigen und internationalen EM-Netzwerken – weitergeben. Sie haben einen Berufskodex für Elder Mediatoren erarbeitet, der wichtige Hinweise für die Arbeit gibt. Berufsregeln für auf Altersfragen spezialisierte Mediatoren und Mediatorinnen

Was kostet ein Mediator denn so ungefähr pro Stunde und wo sollte man sich am ehesten für diese Stunde treffen?

Das wichtigste scheint mir, dass in der Mediation auf die individuellen Bedürfnisse der beteiligten eingegangen wird, sowohl was den Ort, als auch was die Dauer des Gesprächs betrifft. Auch die Preise für eine Mediation sind individuell, dazu gibt es meines Wissens keine Vereinbarungen.

Gerlind Martin, Jahrgang 1956, ist Mitglied des Berner Netzwerks Mediation in Bern und zusammen mit Maria Marshall Co-Kursleiterin für Elder Mediation am IMS Institut für Mediation München

Weitere Informationen:

Verein «Mediation Region Basel»