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Siegergeschichten I

"Hochzeit"

Verliebt, verlobt, verheiratet

von Judith, Vithuraa, Selina

Die Lifttür öffnet sich. Ich bin im vierten Stock. Die Vorfreude mit dem Beigeschmack von Nervosität breitet sich in mir aus. Während ich den kahlen, schmalen Korridor hinunterlaufe, beginnt im Hintergrund ein alter Mann zu singen. Er sitzt alleine an einem Tisch und ausser mir scheint ihm niemand Aufmerksamkeit zu schenken. Bin ich die Einzige, die sich in einem Altersheim so unbehaglich fühlt? Vor der gesuchten Zimmertür angekommen, lese ich das Namensschild: Elske Liebherr. Diesen Namen habe ich vor einigen Tagen das erste Mal gehört, als man mir mitteilte, wer meine Interviewpartnerin sein wird. Als ich die Tür öffne, zittert meine Hand ein wenig, so aufgeregt bin ich, zu erfahren, welche Geschichte sich hinter diesem Namen verbirgt.

Als sich die Tür öffnet, beginne ich zu schwitzen. Schon den ganzen Morgen warte ich auf diesen Moment, doch erst jetzt merke ich, wie nervös ich eigentlich bin. Es tritt ein junges Mädchen ein, sie lächelt freundlich. Doch woher weiss ich, dass ich meinem ersten Eindruck trauen kann?

Als ich den Raum betrete, sitzt Frau Liebherr in der hinteren Ecke ihres Zimmers, gegenüber von ihr steht ein alter Holzstuhl. Mit einem vorsichtigen «Hallo» lasse ich mich auf ihm nieder und hole mein Schreibzeug hervor. Ich beginne damit, mich vorzustellen, aber an meinem verlegenen Lächeln erkennt man meine Nervosität.

Als ich das Thema des Interviews erfahre, breitet sich in mir ein unbehagliches Gefühl aus. Hochzeit war schon immer ein schwieriges Thema für mich. Meine Eltern waren nie mit meiner Entscheidung einverstanden. Erwin war für sie immer ein Mann ohne Perspektive. Doch mir war das alles egal. Mit meinen achtzehn Jahren habe ich nicht an die Zukunft gedacht und wollte nur Augenblick leben.In kurzen Worten erzähle ich ihr, wie ich Erwin bei mir zuhause kennengelernt habe und dass wir uns ein halbes Jahr später verlobt haben. Ich bin erstaunt, als das Mädchen nicht weiss, wo die St. Jakobskirche ist. Dieser Ort war damals jedem bekannt, weshalb wir sie auch für unsere Hochzeit ausgesucht hatten. Jetzt scheint man sie nicht einmal mehr zu kennen.

Wow! Ich bin überrascht, wie schnell sich Elske und Erwin damals verlobt haben. Doch warum erzählt sie es so zurückhaltend und ohne Begeisterung? Nichtsdestotrotz versuche ich mit gezielten Fragen mehr über ihre Hochzeit zu erfahren. Doch alles, was ich erfahre, ist, dass sie im Jahr 1949 geheiratet hat und damals 18 Jahre alt war. Schon wieder bin ich verblüfft, so jung! Das wäre ja ich in drei Jahren. In diesem jungen Alter zu heiraten ist für mich etwas Besonders und ich bin neugierig, was dahintersteckt. Doch ich werde zurückgewiesen. Ich spüre, wie Frau Liebherr sich unwohl fühlt und wechsle das Thema. Ich spreche ihr Hochzeitskleid an und siehe da, sie beginnt mit einem Lächeln mir von ihrem Kleid zu erzählen. Es war ein weisses, bodenlanges Taftkleid, welches mit Spitze übersät war. Ein absoluter Prinzessinnentraum! Es freut mich, dass ich sie für etwas begeistern kann, doch meine Freude hält nicht lang. Denn die Antworten werden sogleich wieder kurz und eintönig. Doch wieso? Mache ich etwas falsch? Ich kann nicht glauben, dass sie bei der Vorbereitung der Hochzeit keinen Stress oder keine Angst hatte. Mir fällt es schwer nachzuvollziehen, wie alles gemäss ihrer Aussage einfach freudig war und sie keine anderen Worte für diese spezielle Zeit findet. Könnte es sein, dass sie gewisse Ereignisse verdrängt? Oder ist meine Interviewpartnerin heute nur ein bisschen müde? Schwer ums Herz wird es mir, als Frau Liebherr schildert, dass die Hochzeit nicht ihre Traumhochzeit war, sondern nur ein schönes Erlebnis, welches sich einfach so ergeben habe. Für einen kurzen Moment schweift mein Blick von meinem Notizblock ab. Das erste Mal betrachte ich das Zimmer genauer. Mir fallen die unzähligen Porzellankatzen im Raum auf. Doch es macht mich stutzig, dass es kaum ein Foto im Zimmer gibt.

Das Mädchen stellt unermüdlich Fragen. Ich merke, wie entsetzt sie aufschaut, als ich erkläre, dass ich keine Hochzeitsbilder mehr besitze. Ich habe nicht im 21. Jahrhundert geheiratet und somit auch nicht alle Fotos auf einem digitalen Gerät. Ich muss ihr gestehen, dass ich alle Fotos bei meinem letzten Umzug verloren habe.

Mir fällt ein grosser Unterschied zu heute auf. Viele Leute verreisen für ihre Flitterwochen, in ein beliebtes Land, welches weit weg von der Heimat ist. Doch Frau Liebherr ist mit ihrem frischgebackenen Ehemann nach Ascona gereist, in das Haus der Eltern. Dieser Unterschied scheint mir allerdings logisch, da ich glaube, dass das Fliegen mit einem Flugzeug damals noch nicht so üblich war. Auf die Frage, ob sie nach der Hochzeit oder bereits davor zusammengezogen seien, erklärt sie mir, dass es normal war, erst nach der Hochzeit bei den Eltern auszuziehen. Ein grosser Unterschied zwischen dem Leben bei ihren Eltern und mit ihrem Mann habe sie nicht gespürt, aber auf den Auszug habe sie sich trotzdem gefreut. Da frage ich mich sofort nach dem Grund. Für mich bedeutet von zu Hause ausziehen, in einen neuen Lebensabschnitt zu gelangen. Ich kann mir aber vorstellen, dass dies früher nicht so war und die Frauen noch eher als Hausfrau tätig waren. Ganz stolz erzählt Frau Liebherr, wie sie das erste Mal Möbel kaufen war und dann ihre Wohnung einrichten durfte. Ich spüre, dass sich das Interview dem Ende zuneigt. Mir gehen langsam die Fragen aus und auch Frau Liebherr scheint unser Treffen gerne beenden zu wollen.

«Wenn du den passenden Mann findest, dann heirate!»

Dies ist der Ratschlag, den mir Frau Liebherr mit auf den Weg gibt, bevor sie mich bittet zu gehen, da es nun Mittagessen gebe. Ich bin überrascht, wie schnell unser Interview vorbei ist. Ich packe vorsichtig meine Notizen zusammen und verabschiede mich, wobei ich einen Schritt auf sie zugehe und ihr die Hand geben möchte, doch sie hält sich zurück und ich entscheide mich für ein freundliches «Auf Wiedersehen».

Sobald ich die Tür hinter mir schliesse, gehe ich in meinen Gedanken das Interview noch einmal durch. Besonders beeindruckt hat mich der abschliessende Ratschlag, welchen mir Frau Liebherr mit Nachdruck gegeben hat. Ich kann mir gut vorstellen, wie der soziale Druck damals gewesen sein muss. Jung zu heiraten war normal und für mich heute ist dies absolut unvorstellbar. Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Als eine ältere Dame auf mich zukommt und mich freundlich anspricht, merke ich, dass ich vor Erschöpfung keine Kraft mehr habe, um mit dieser Frau zu sprechen. Daher bin ich froh, als ich ein ‘’Bling’’ höre und sich die Lifttür öffnet. Jetzt bin ich wieder allein und muss alle Eindrücke erst einmal verarbeiten.