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Siegergeschichten II

Tagesablauf einst und heute

Wie mein Alter meinen Alltag verändert hat

von Dalia, Leila, Paula

Ich höre, wie die Tür aufschwingt. Daraufhin spüre ich, wie etwas meine Schulter streift. Müde strecke ich meine Hand nach ‘‘Schätzli’’ aus, mache meine Augen auf und stelle fest, dass ich gar nicht zu Hause bin. Der Pfleger zieht die Vorhänge auf und sagt freundlich: « Guten Morgen Frau Berger». Als Nächstes werden mir meine Stützstrümpfe angezogen, die meine müden Beine halten sollen. m Bad wasche ich mein Gesicht, betrachte mich im Spiegel und überlege, was heute alles auf mich zukommt. Da fällt mir ein, dass ich heute Gäste empfangen muss. Während ich mich in meinem sparsam möblierten Zimmer umsehe, bemerke ich die Unordnung und räume hastig meine Kleider in den sowieso schon zu kleinen Kleiderschrank. Ich ertappe mich dabei, wie ich es vermisse, schön gekleidet auszugehen.

Der feine Duft von frischem Gebäck holt mich zurück ins Jetzt. Im Speisesaal setze ich mich auf meinen gewohnten Platz zwischen den beiden Herren. Der eine 104 Jahre alt, der andere 96 Jahre, doch sind es zwei der Wenigen die hier mit mir lachen. Ausser ihrem Humor ist ihnen fast alles vergangen und ich hoffe, dass ich diesen Punkt nie erreichen muss. Zurück auf meinem Zimmer lege ich Jazzmusik auf und kann nicht aufhören, mir zu überlegen, mit welchen Fragen die jungen Besucher auf mich zukommen werden.

Eine Pflegerin klopft und sagt: «Ihre Gäste sind da». Beim letzten Blick in den Spiegel, richte ich mein Haar und trage schnell noch etwas Lippenstift auf. Auf dem Gang warte ich gespannt auf den Lift. Ich führe die drei jungen Damen in mein Zimmer, zeige ihnen ihre Sitzplätze und setze mich auf mein schmales Bett. Am Anfang stellen sie mir ein paar kleine Fragen und bitten mich dann, von meinem damaligen Alltag zu sprechen. Von da an sprudelt es nur so aus mir heraus und ich fange an zu erzählen.

Damals, als ich noch Sekretärin bei der Ciba war, klingelte mein Wecker jeden Morgen um sechs Uhr. Ich zog mir meinen Morgenmantel an und schlüpfte in meine Hausschuhe. Danach ging ich in die Küche und während der Kaffee kochte, wusch ich mir mein Gesicht im Bad. Zurück in der Küche trank ich meinen heissen Kaffee aus meiner Tasse aus London. Dabei dachte ich an meine schönen eineinhalb Jahre in England zurück und wie ich jeden Morgen mit meinem Freund einen Kaffee an der Strassenecke getrunken hatte. Nach dem Zähneputzen schaute ich in meinen vollen Kleiderschrank und überlegte mir, wie ich die strenge blaue Bluse kombinieren könnte. Schwarzer Rock, dunkle Strümpfe, meine bequemsten Stöckelschuhe, dazu einen beigen, langen Mantel und meine schmale Armbanduhr. Ich steckte meine Haare hoch und trug ein bisschen Schminke auf. Noch einen letzten Blick in den Spiegel und ich war bereit für den Tag.

Ich parkierte meinen Fiat 500 in der Tiefgarage und fuhr mit dem Lift in den dritten Stock. Freundlich grüsste ich die Empfangsdame, die mir den Schlüssel für meine Abteilung überreichte. Ich gab meinen Mantel bei der Garderobe ab und setzte mich an meinen Arbeitsplatz.

Den ganzen Morgen führte ich Telefonate, ordnete Akten ein und brachte Rechnungen zu meinem Chef. Wenn Kunden kamen, freute ich mich immer besonders, da ich dann oft mein gutes Englisch und Französisch verwenden konnte. Gegen Mittag schaute ich auf die Uhr und nahm meinen Lieblingswein aus meiner Schublade. Meine liebste Arbeitskollegin Lina holte mich wie immer pünktlich um halb eins zum Mittagessen ab. Wir gingen in die Kantine, die wir gemeinsam mit den Laboranten teilten. Überall sah man weisse Kittel und nur vereinzelt stachen die blauen Blusen der Sekretärinnen heraus. Wir schöpften uns unser Essen und setzen uns mit ein paar Mitarbeitern an einen Tisch. Ein Glas Wein durfte an meinem Mittag nie fehlen. Viele meiner Kollegen kamen aus dem Ausland und dank meiner vielen Reisen konnte ich eigentlich bei jedem Gesprächsthema mitreden.

Der Nachmittag verlief ziemlich ähnlich wie der Morgen und um halb sechs verliess ich immer das Büro. Auf dem Heimweg, kaufte ich die benötigten Zutaten für mein Abendessen. Zuhause angekommen zog ich meine Schuhe aus und stellte das Radio an. In meiner kleinen Küche ging das Kochen immer ziemlich schnell. Mein Lieblingsgericht war Pasta und ich hatte Freude daran, neue Saucen zu kreieren. Ich ass im Esszimmer und las die Zeitung.

Nach dem Essen setzte ich mich in meinen Sessel und las ein schönes Buch. Meistens rief mich mein Sohn, der schon damals in Biel lebte, gegen sieben Uhr an. Wir telefonierten lange und berichteten uns von unserem Tag. Später kam eine Freundin, die mit mir im Bach Chor sang, auf ein Glas Wein vorbei. Wir setzten uns auf den Balkon und genossen einen der letzten schönen Herbstabende. Später schälte ich mich aus der Arbeitsbluse und zog mir meinen schönen Kaschmirpulli an. Da die Proben für den Bach Chor direkt um die Ecke waren, spazierten wir gemütlich dorthin.

An diesem Abend im Chor bekam ich das grösste Kompliment meines Lebens. Der Chorleiter kam nach der Probe zu mir und meinte, ich sei phänomenal musikalisch. Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter und war doch froh, dass ich mich dafür entschieden hatte, in den Bach Chor zu gehen.

Meistens gingen wir später noch in die Stadt und trafen uns mit Bekannten auf einen Drink. Spät am Abend fuhr mich ein guter Freund mit seiner Vespa nach Hause. Ich ging hoch in meine Wohnung und verriegelte die Tür. Ich liess mir ein heisses Bad ein und stellte den Wecker schon mal für den nächsten Morgen. Mit etwas Jazzmusik liess ich den Abend schön ausklingen.

Der Fotograf holt uns zurück ins Jetzt. Er macht ein paar Fotos von uns und verabschiedet sich wieder. Die Mädchen fragen mich nach den Bildern auf meinem Nachttisch und ich zeige ihnen stolz meine Katze ‘’Schätzli’’, die ich hier so sehr vermisse. Nachdem ich die Mädchen zum Lift begleitet habe, ruft mich die Pflegerin zum Mittagessen. Heute gibt es Ravioli mit Sahnesauce. Mein übliches Glas Wein fehlt mir heute ganz besonders. Nach dem Mittagessen gehe ich zurück auf mein Zimmer und lege mich in mein Bett. Wie vor jeder Siesta schalte ich den Fernseher ein und schaue noch eine Folge ‘’Glanz und Gloria’’. Nach einer Weile schweifen meine Gedanken ab und meine Augen fallen zu.