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Siegergeschichten III

Elternhaus

Die laute Stille - die Einsamkeit einer Mutter

Von Zaira, Anna, Amanda

Elternhaus: Was ist das eigentlich? Genügt es, wenn Eltern und Kinder unter demselben Dach wohnen? Oder braucht es eine gewisse Bindung zwischen ihnen, damit man von einem “Elternhaus” sprechen kann? Muss man überhaupt im selben Haus wohnen? Wenn man alt genug ist und auszieht, hat man dann kein Elternhaus mehr?

Mein Sohn,

Wie geht es dir? Du bist wahrscheinlich sehr beschäftigt mit deinen Klienten. Ich würde mich jedoch sehr freuen, wenn du mich besuchen kommen würdest, denn ich fühle mich hier im Altersheim sehr einsam. Als ich noch klein war und bei meinen Eltern gewohnt habe, hatte ich immer viele Leute um mich, doch das ist hier nicht mehr möglich. Deshalb wäre es schön, wenn du mir Gesellschaft leisten würdest. Du denkst, dass es mir gut geht, aber die Zeit vergeht schnell, und die Dinge können sich rasant ändern. Ich frage mich oft, ob du dein Elternhaus nie vermisst. Damit du dir besser vorstellen kannst, wie ich mich hier fühle, werde ich dir etwas von meinen jüngeren Jahren erzählen.

Ich höre jetzt, seit ich hier im Altersheim bin, wie viel Unglück es in anderen Familien gibt. In solchen Familien können ja nur Kinder heranwachsen, denen einfach etwas fehlt, da sie nicht so viel Liebe erhalten haben. Im Gegensatz dazu, habe ich mich in meiner Familie immer geliebt gefühlt. Ich bin wirklich in sehr glücklichen und harmonischen Verhältnissen gross geworden. Für mich war mein Vater - dein Grossvater - so etwas wie das “Pünktchen auf dem i’’. Meine Mutter war lieb und gut - aber der Vater - er hatte sehr viel Wissen und das hat mich natürlich interessiert. Er war Lehrer am mathematisch- naturwissenschaftlichen Gymnasium und hat auch die Matura an der Handelsschule abgenommen. Er war also ein bisschen fleissiger als ich, die ich auf das Gymnasium verzichtet und eine Lehre als Buchhändlerin gemacht habe. Wir hatten zudem den Luxus, dass wir viel Zeit mit den Eltern verbringen konnten, weil wir Dienstmädchen hatten, die sich um den Haushalt gekümmert haben. So hatten wir viel Zeit füreinander.

Ich bin im Gellertquartier aufgewachsen, meiner Meinung nach das beste Quartier in Basel. Meine Eltern hatten dort von meinen Grosseltern ein Einfamilienhaus geschenkt bekommen, damit die Familie in ihrer Nähe sein konnte. Wie es damals so üblich war, hatte auch bei uns der Vater das Sagen, jedoch war er nicht so streng. So konnten wir auch alle bei Gesprächen mitreden und zweimal wöchentlich in den Ausgang gehen. Wir hatten immer grossen Wert auf das gemeinsame Essen gelegt. Die Nachrichten waren auch immer ein riesiges Thema am Tisch, denn seit 1939 herrschte schliesslich Krieg. Da wollte man natürlich wissen, welche aktuellen Neuigkeiten es gerade gab.

Als ich 10 Jahre alt war, starb mein Vater an einem Herzinfarkt. Es war schlimm für mich, dies miterleben zu müssen: Wie er noch etwas sagte, die Hand ausstreckte und dann tot zusammenbrach. Ich war so unglücklich. Und ich bin es noch immer, denn du konntest deinen Grossvater gar nicht kennenlernen. Genauso, wie du nie deine Tante, die sehr jung an Leukämie gestorben ist, kennengelernt hast. Es war dieselbe Krankheit, die später deinen Vater umgebracht hat. Du weisst nicht, wie sehr ich ihn geliebt habe. Er war zwar zehn Jahre älter als ich, aber für mich war er der perfekte Mann. Kein anderer wäre an ihn herangekommen, deshalb habe ich auch nie wieder geheiratet. Ich wollte keine Kinder von einem anderen haben, denn ich hatte ja euch. Dich, deine Schwester und meine lieben Enkelkinder.

Jetzt bin ich schon seit einem Jahr hier, aber dich konnte ich noch gar nicht meinen Mitbewohnern vorstellen, denn du bist mich ja nie besuchen gekommen. Ich weiss, du hast viel zu tun. Ein Advokat zu sein, ist nun mal wichtiger als die alte Mutter. Wenn ich dir, mein Sohn, einen kleinen Rat geben darf: Die Arbeit ist nicht alles. Die Familie ist wichtiger. Das wirst du spätestens dann merken, wenn du in Rente gehst und wie ich ins Altersheim gehen musst. Natürlich wünsche ich dir nicht, dass du allein sein wirst, so wie ich. Aber ich habe genug erlebt, um zu wissen, wie alte Menschen enden.

Du sollst jetzt nicht denken, dass ich dich nicht mehr liebe oder wütend auf dich bin. Ich bin deine Mutter und eine Mutter verzeiht alles. Ich würde mich jedoch sehr freuen, wenn ich dich an Weihnachten wiedersehen könnte. Dann kommt ja auch dein Neffe aus dem Militär zurück. Und vergiss nicht: Ich wohne nicht mehr in dem Haus, in dem du aufgewachsen bist. Aber das heisst nicht, dass du kein Elternhaus mehr hast. Es ist jetzt einfach an einem anderen Ort.

In Liebe

Deine Mutter