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Einsam? Reden hilft!

Problem Einsamkeit- Ein Anruf bei Telefon 143 hilft

Das Thema Einsamkeit ist der Dauerbrenner bei der Dargebotenen Hand, dem Telefon 143. Ob per Mail oder per Telefon, die Anfragen nehmen zu. Tatsache ist: immer mehr ältere Menschen leben allein, pflegen wenig oder gar keine sozialen Kontakte. Gibt es Tipps gegen Einsamkeit? Ein Gespräch mit Mirjana Marcius, Geschäftsleiterin des Vereins Tele-Hilfe Basel.

Weihnachten, der Jahreswechsel, das ist eine Zeit, in der besonders spürbar wird, dass man allein ist. Nehmen die Anrufe beim Tel. 143 in solchen Tagen zu?

Nicht einmal, es ist unterschiedlich. Wir haben viele Leute, die über Jahre hinweg anrufen. Diese Anrufe gehen oft in der Weihnachtszeit sogar zurück. Weil sich doch noch jemand findet, oder man geht zu einer Advents- oder Weihnachtsfeier im Quartier. Hat eine Weihnachtsfeier im Heim. Wir verzeichnen aber generell einen Anstieg, übers Jahr hinweg. Auch immer öfter über Mail. Und was wir total spüren, ist der Anstieg Mitte Januar, wenn die Lichtlein verschwinden, die Strassenbeleuchtung weg ist, die Leute in den Alltag zurückkehren, dann kommt das grosse Loch. Es hat sich ja nichts verändert, es waren Hoffnungen, Erwartungen da, aber es hat sich nichts verändert, das nächste Jahr wird wie das vorherige.

Das berühmte Januarloch, nicht nur im Portemonnaie, sondern auch in den Beziehungen.

In den Heimen ist das Angebot über die Festtage gross, Mitarbeiterinnen sind darin geschult, zu schauen, wer allein ist, sich besonders um die Bewohnerinnen und Bewohner zu kümmern, die keinen Besuch bekommen. Aber auch im Heim ist es im Januar trister, schon allein, weil die Weihnachtsbeleuchtung weg ist, es wird wieder dunkel.

Was kann man gegen diese Tristesse tun?

Unter die Menschen gehen. Sich nicht in den eigenen vier Wänden verkriechen. Auch da braucht es nicht viel, manchmal reicht es schon, jemandem guten morgen zu wünschen, im Tram zu fragen, ist der Platz neben ihnen frei? Manchmal reicht das schon, um ins Gerspräch zu kommen. Auch das kann gut tun.

Was ist, generell gesprochen, der häufigste Grund des Anrufs? Einsamkeit?

Die Gründe sind sehr oft gesundheitliche Probleme, psychische Probleme, partnerschaftliche Probleme, aber auch einfach die Tagesstruktur. Mühe mit dem Tag. Oft wird ein kleiner Vorwand genannt, etwa „ich mag heute einfach nicht einkaufen.“ Oder es kann die Frage nach der Uhrzeit sein. Die Probleme und Bedürfnisse treten im Gespräch dann langsam zutage.

Wie lange dauert ein Gespräch, gibt es da eine Obergrenze? Was geschieht, wenn die Linie besetzt ist?

Wir haben mehrere Linien, das Telefon wird immer abgenommen. Je nach Dringlichkeit wird vielleicht jemand vertröstet, in einer Viertelstunde wieder anzurufen. Wenn es nicht um ganz schlimme Probleme geht, sondern mehr darum, mit jemandem ein wenig reden zu können, dann ist die Grenze etwa eine halbe Stunde. Aber wenn die Beraterin Zeit hat, kann es auch länger sein.

Die Probleme, etwa der Verlust des Partners, ein Todesfall, können so gross sein, dass sie eigentlich nicht zu lösen sind. Wie gehen Sie vor? Was raten Sie?

Wir geben in der Regel keine Ratschläge. Wir ermutigen dazu, Lösungen zu finden. Wir sind da, wir hören zu, die Menschen können bei uns abladen. Wir bieten Entlastung, Unterstützung, das Gespräch ist eine gemeinsame Suche nach möglichen Wegen.

Auch, wenn jemand gefährdet oder suizidgefährdet ist?

In den meisten Fallen, ja, wir versuchen, einen Weg zu weisen. Wir motivieren die Leute, die richtigen Stellen zu kontaktieren, etwa die Krisenintervention. Wir werden nicht selber aktiv, ausser vielleicht in einem absoluten Notfall. Aber oft können wir gar nicht intenvenieren, da wir ja nicht wissen, wer am Telefon ist. Viele der Anrufenden kennen die vorhandenden Möglichkeiten. Es geht darum, sie im Gespräch zu motivieren, diese auch zu ergreifen.

Es gibt – glücklicherweise – ein Sorgentelefon für Kinder. Warum nicht auch eins für Seniorinnen und Senioren?

Telefon 147 ist für Kinder und Jugendliche da, Telefon 143 für Erwachsene. Ich denke, das genügt. Wir sind da, wir haben die Kapazitäten. Wo Nachholbedarf besteht, ist eher bei der Werbung, der Öffentlichkeitsarbeit. Denn die Menschen müssen auch wissen, dass wir eine Anlaufstelle sind. Senioren sollen wissen, dass es uns gibt, und dass sie bei uns anrufen können Ohne besonderes Anliegen. Einfach so, um ein wenig zu reden. Oft beginnen die Leute das Gespräch mit dem Satz: Ich weiss nicht, ob es wichtig genug ist, um anzurufen: Dazu muss ich sagen: Alles ist wichtig genug. Es braucht keinen dramatischen Grund. Man muss nicht kurz davor sein, vom Wasserturm zu springen.

Warum sind die Menschen im Alter eigentlich so einsam? Warum klappt die Kommunikation so schlecht? Zu Nachbarn, Bekannten, zur ganzen Umgebung?

Das kann schon in der Kindheit beginnen. Viele Menschen haben gar nie gelernt, Beziehungen zu pflegen, hatten nie ein soziales Netz. Bei uns hat ein Mann angerufen, der tagsüber ganz normal seiner Arbeit nachging und in seiner Freizeit einfach niemanden hatte. Wirklich niemanden. Er hat nicht einmal je seinen eigenen Balkon betreten. Seine einzige Möglichkeit, Menschen zu treffen, war dann, einkaufen zu gehen. Weil man ihm da freundlich begegnete. Mit der Folge, dass er sich massiv verschuldete. Wenn man in jungen Jahren nicht lernt, Beziehungen zu knüpfen, wird es mit dem Alter immer schwieriger. Zudem stirbt einem das angestammte Umfeld weg. Man bleibt einfach allein zurück.

Jemand lebt also allein in seiner Wohnung und über die Strasse wohnt auch jemand allein. Warum, vereinfacht ausgedrückt, ziehen die beiden nicht zusammen? Gründen eine WG?

Das wäre sicher eine tolle Sache. Aber so viel muss vielleicht gar nicht sein. Es wäre schon gut, sich mal zu treffen, sich auszutauschen. Vielleicht kocht mal an einem Tag der eine, und an einem die andere. Oder wieso nicht mal die Freizeit zusammen verbringen, zusammen einkaufen. Es gibt so viele, ganz einfache Möglichkeiten, die sehr viel Lebensfreude bringen können.

Nochmals zurück zu den Anrufern - was sind die häufigsten Fragen?

Ich kann nur sagen, es gibt keine Fragen, die es nicht gibt. Wir hören alles. Auch sehr schlimme Dinge, Dinge, bei denen nicht nur die Anrufenden, sondern auch wir an unsere Grenzen kommen. Wir erleben die ganze Bandbreite des menschlichen Seins.

Welche Voraussetzungen muss jemand mitbringen, der sich bei Ihnen als freiwillige Mitarbeiterin – die meisten sind ja, wie auch die Anrufenden, Frauen - engagieren möchte?

Lebenserfahrung. Menschen, die die eigenen Probleme erkannt, ihre eigene Geschichte verarbeitet haben. Denn auch wenn sie einem selbst menschlich weiterbringt: die Beratung darf nicht mit der eigenen Therapie verwechselt werden.

Wenn Sie Beraterin werden möchten:

Freiwillige Mitarbeiterinnen sind beim Verein Telehilfe sehr gesucht und werden für ihre Aufgabe sorgfältig ausgebildet. Der Ausbildungskurs enthält u.a. Module über Gesprächsführung, psychische Krankheiten oder den Umgang mit Krisen. Hinzu kommen regelmässige Weiterbildungen, fachliche Begleitung und Supervisionen.

Informieren - auch wenn Sie den Verein Telehilfe mit einer Spende unterstützen möchten- können Sie sich beim:

Verein Telehilfe Basel
Bruderholstrasse 167
4009 Basel

Telefon 061 367 90 90

Telehilfe Basel