phone-xs phone-sm tablet-md laptop-lg desktop-xl

Grossmütter von heute

„Grosseltern sollten sich an die Spielregeln der Eltern halten“

Als die Erwachsenbildnerin Rosmarie Wydler-Wälti zum ersten Mal Grossmutter wurde, begann sie sich im Vorfeld intensiv mit ihrer neuen Lebenssituation zu beschäftigen. Sie recherchierte über Lebenssituationen von Grossmüttern, las Erfahrungsberichte und Bücher. Ihre Enttäuschung über das gezeichnete Bild war gross. Im nachfolgenden Interview wehrt sich die inzwischen sechsfache Grossmutter gegen das teilweise immer noch vorhandene Cliché von Grossmüttern als ausschliesslich strickende, kochende, bastelnde und naive alte Frauen. Sie plädiert für mehr Selbstbewusstsein und auch mehr Anerkennung der Enkelkinderbetreuungsaufgabe, die im Wesentlichen immer noch von Frauen wahrgenommen werde.

Rosmarie Wydler-Wälti

Frau Wydler, welches Verhältnis hatten Sie eigentlich zu Ihren eigenen Grossmüttern?

Rosmarie Wydler-Wälti: Leider kein spezielles, wie ich es mir gewünscht hätte. Meine Grossmütter haben sich nicht besonders um uns Enkelkinder bemüht. Sie wollten vor allem meiner Mutter Arbeit abnehmen. Der Kontakt hielt sich auch deshalb in Grenzen, weil wir in Basel wohnten und die eine Grossmutter in Zürich und die andere in Sissach lebte. Damals war man noch nicht so mobil. Die Situation erinnert mich ein bisschen an die Expats von heute. Die Eltern leben hier, die Grosseltern meistens im Ausland, sodass viele dieser Kinder gar kein regelmässiges Grosselternerlebnis kennen.

Was sollten Grosseltern im Idealfall sein? Und was können Grosseltern ihren Enkelkindern geben, was Eltern ihren Kindern nicht geben können?

Grosseltern sollten im Idealfall eine wünschenswerte, für alle bereichernde und unterstützende Ergänzung sein, jedoch nie ein Ersatz für die Eltern. Was Grosseltern ihren Enkelkindern vor allem schenken können, ist Zeit. Zeit um auf Wünsche einzugehen, worunter ich aber nicht materielle verstehe. Zeit zum Zuhören vor allem, zum Geschichten vorlesen, die Natur gemeinsam geniessen, Spazieren gehen.

Man liest heute vermehrt von der „neuen Grossmütter-Generation“. Was hat sich denn im Vergleich zu früher verändert?

Sehr vieles. Das Bild der Grossmütter von früher war geprägt vom Bild einer alten, unattraktiven, passiven Frau mit heraufgestecktem grauem Haar. Die Frauen trauten sich ab einem gewissen Alter nicht mehr, sich farbig und chic zu kleiden.Die Situation heute mit der alt 68er Generation ist eine ganz andere. Viele Frauen im Grossmutteralter sind noch erwerbstätig, sie sind fitter, selbstbewusster, oft gebildeter, unabhängiger und auch finanziell im Allgemeinen besser gestellt.

Grosseltern haben die Tendenz, mit ihren Enkelkindern milder umzugehen, mehr durchzulassen, grosszügiger zu sein. Stimmt diese Aussage eigentlich?

Ja, oft. In meinen Kursen und Beratungen kommt dieses Thema häufig zur Sprache. Dies ist eines der grössten Probleme. Viele Grosseltern sagen, dass sie ihre Enkelkinder nicht erziehen wollen. Man kann Kinder jedoch nicht nicht erziehen. Es spricht nichts dagegen, mit ihnen als Grosseltern milder umzugehen. Die Eltern müssen jedoch damit einverstanden sein. Ohne Absprache unter den Erwachsenen bahnen sich unweigerlich Konflikte an. Eine Grossmutter, die ihr Enkelkind entgegen dem Bedürfnis der Eltern zu stark verwöhnt und dem Kind dann vielleicht auch noch sagt, es dürfe den Eltern aber nichts erzählen, begeht einen grossen Fehler. Und sie bringt das Kind in einen Loyalitätskonflikt.

In Ihren Kursen sprechen Sie von den drei goldenen „S“ Schweigen, Schlucken, Schenken. Sind Grosseltern gut beraten, sich an diese Vorgaben zu halten, wenn sie einen Konflikt mit ihren Kindern vermeiden wollen? Oder sollen Grosseltern auch einmal auf den Tisch klopfen dürfen?

Es wäre natürlich schön, wenn das Zusammenleben ohne diese drei S harmonisch funktionieren würde. Aber das ist der leider nicht allzu häufig auftretende Idealfall. Den Grosseltern muss einfach klar sein oder klar gemacht werden: Die Eltern sitzen am längeren Hebel, die Grosseltern müssen sich in Erziehungsfragen den Eltern unterordnen, auch wenn etwas nicht nach ihrem Gusto verläuft. Die Grosseltern müssen sich mit anderen Worten an die Spielregeln ihrer Kinder halten. Auf den Tisch klopfen geht gar nicht. Mit einer subtilen, gewaltfreien Kommunikation kann ich allenfalls etwas Problematisches ansprechen – muss aber in jedem Fall mit Widerstand rechnen.

Ich würde meiner Mutter eher widersprechen als meiner Schwiegermutter und auch mit ihr eher einen Konflikt riskieren. Können Sie das nachvollziehen?

Natürlich. Das Verhältnis zu den Schwiegereltern, vor allem zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter, weist ein besonders grosses Spannungspotenzial auf. Hier den richtigen Ton zu treffen, ist sehr anspruchsvoll. Ich verweise immer wieder gerne auf den US-Psychologen Thomas Gordon. Er untersuchte problematische Eltern/Kinderverhältnisse. Er sprach allein mit Eltern und fand diese völlig normal in ihrem Verhalten. Er sprach allein mit den Kindern und sein Eindruck war der gleiche. Aber ein Gespräch mit Eltern und Kindern gleichzeitig funktionierte überhaupt nicht. Gordons Grundrezept heisst „Ich-Botschaften“. Im Vordergrund sollen nicht Vorwürfe stehen („Du bist“ oder „Du solltest“), sondern die Konfliktpersonen zählen auf, was sie empfinden und wie ihr persönlicher Beitrag zur Entschärfung eines Problems aussehen könnte. Diese Vorgehensweise kann ich sehr empfehlen.

Das Migros Kulturprozent fördert mit dem Projekt „GrossmütterRevolution“ Netzwerke von Frauen der Grossmütter-Generation. Erleben oder spüren Sie als Involvierte, dass sich effektiv etwas bewegt, auch bezüglich stärkerer Anerkennung von Leistungen dieser Generation?

Ja, es kommt etwas in Bewegung. Ich habe diese Bemühungen an der letzten zweitägigen GrossmütterRevolutions-Veranstaltung der Migros gespürt. Immer mehr selbstbewusste, kritische Frauen aus der Grossmüttergeneration engagieren sich und versuchen Einfluss zu nehmen auf Gesellschaft und Politik. Wir leisten schliesslich auch wirtschaftlich gesehen wertvolle Betreuungsarbeit. Ich sage übrigens bewusst Betreuungsarbeit, nicht Hütearbeit. Gehütet werden Kühe oder Schafe. Kinder zu betreuen erfordert einen qualitativ anspruchsvollen Aufwand, weil es hier um Beziehungsarbeit geht. In diesem Zusammenhang kommt auch die finanzielle Seite vermehrt zur Sprache. Arbeit, die ernst genommen wird, sollte auch irgendwie honoriert werden. Dabei denke ich nicht an einen fixen Stundenlohn, eher an einen Bonus, der gewisse Leistungsansprüche beinhaltet – zum Beispiel das Recht auf eine eigene Pflege im höheren Alter.

Rosmarie Wydler hat eine eigene Webseite

Weitere Infos zum Thema Grossmütter finden Sie auf der Homepage Die GrossmütterRevolution

Beitrag im Archiv