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Porträtband Ausleben

Gedanken an den Tod werden gerne auf später verschoben

Im berührenden Porträtband "Ausleben" der Basler Journalistin Mena Kost und der Fotografin Annette Boutellier sprechen ganz unterschiedliche Menschen über ihr Leben und wie sie zur eigenen Endlichkeit stehen. Ob Bergbäuerin oder Nobelpreisträger - der Blick nach vorn stosst im hohen Alter an die eigene Vergänglichkeit. Ein Buch mit sehr schönen Bildern und erstaunlich heiteren Texten, trotz der Schwere des Themas leicht und tröstlich.

Fotos im Buch: Annette Boutellier (Ralph Gentner, Sofie Pfister)

Das Leben ist endlich. Und dieses Ende haben sehr alte Menschen vor sich. Unweigerlich. Sie werden sterben. Bald. Im Porträt-Band der Basler Journalistin Mena Kost (40) und der Fotografin Annette Bouteiller (50) Ausleben steht der Satz «Gedanken an Tod verschiebt man gerne auf später». Doch genau das haben die 15 Porträtierten nicht getan. Sie haben sich eingelassen auf das Gespräch mit der so viel jüngeren Journalistin und diese Gespräche sind überraschend. Sehr ehrlich, mutig, zeigen eine Gelassenheit und eine Selbstverständlichkeit, die tröstlich ist. Es sind ganz unterschiedliche Menschen, denen wir in diesem schönen und, ja, süffig, zu lesenden Buch begegnen. Sie sind zum Zeitpunkt des Gesprächs zwischen 83 und 111 Jahre alt. Einige, wie etwa die Schauspielerin Monica Gubser («Herbstzeitlosen») sind seit den Gesprächen verstorben. Der Arbeitersohn, der heute, 86-Jährige seine inzwischen erblindete und demente Frau und seine Tochter mit Down-Syndrom betreut und Angst davor hat, sie ihrem Schicksal zu überlassen. Das ehemalige «Dienstmädchen, die als 94-Jährige im Altersheim wohnt, umgeben von den Bildern ihrer vier Kinder, sechs Grosskinder und zehn Urenkel und sich darüber freut, dass «aus allen etwas geworden ist.» Der Jazzmusiker, der sich «mit dem Tod nicht abgeben will, wirklich nicht» und am liebsten während einem Konzert einfach tot umfallen möchte. Die ehemalige Hebamme, die von ihrer Kindheit in Ghana erzählt : «Heute lebe ich. Was morgen ist, weiss ich nicht.“ Der ehemalige Pfarrer, der ins Kapuzinerkloster eingetreten ist, weil er es leid war, “immer allein zuhause zu sitzen.“ Die Bergbäuerin, ein Nobelpreisträger, ein ehemaliger Verdingbub – ganz unterschiedliche Menschen haben sich mit grosser Offenheit auf das Gespräch mit einer Unbekannten eingelassen. Was erstaunlich ist, kann man sich doch nichts Persönlicheres vorstellen. «Es tut gut, über den Tod zu reden», schreibt die 40-jährige Mena Kost im Vorwort zu ihrem Buch. «Weil man ihn damit, zumindest ein Stück weit, gemeinsam akzeptiert.»

Die Autorin Mena Kost, Foto Florian Huber

Sie selbst sei über ihre enge Beziehung mit ihren Grosseltern auf dieses Thema Alter und Tod gekommen, weil sie über den Tod der Grosseltern weder nachdenken noch sprechen wollte. Und das obwohl sie spürte, dass die Grosseltern dazu bereit waren, mehr noch, dieses Gespräch mit ihr gesucht haben. Da habe ich gemerkt, sagt sie, «wenn ich das Thema nicht in die Beziehung lasse, schade ich unserer engen Beziehung.»

Und was sie auch festgestellt hat: «Heute wird der Tod aus unserem Leben ausgeklammert, ins Spital abgeschoben, ins Altersheimzimmer. Der Tod ist heute eine einsame Angelegenheit, früher wurde er ganz selbstverständlich in das eigene Haus gelassen. Die Menschen starben mehrheitlich zuhause, die Toten wurden von der Familie von Nachbarn besucht, oft sie wurden öffentlich aufgebahrt, im Leichenzug zum Friedhof gefahren. Der Tod war öffentlich.

Wie hat sie ihre Gesprächspartner gefunden? Sie suchte bewusst Menschen mit verschiedenstem gesellschaftlichen oder familiären Hintergrund, aus der ganzen Schweiz. Querbeet.

Sie hat alle mit einem Brief angeschrieben, ihr Thema erklärt und sie um das Gespräch gebeten. Meist bekam sie eine Karte oder einen kleinen Brief zurück. Wenn keine Antwort kam, hat sie nochmals telefonisch nachgehakt. Fast alle haben zugesagt. Mutige Menschen, findet Mena Kast, die bereit waren, über persönlichste Dinge offen und öffentlich nachzudenken. Sehr ehrliche Menschen. «Ich denke,» sagt sie, dass es ein Bedürfnis ist, über den eigenen Tod zu sprechen und man hat auch nicht oft Gelegenheit dazu. Weil das Gegenüber ausweicht. Für die Autorin jedenfalls hatte diese Beschäftigung mit dem Tod etwas Tröstliches. Und Erhellendes: Unsere Gesellschaft beschäftigt sich viel mit Anfängen, aber zu wenig mit dem Aufhören. Dabei wird die ganze Fülle des Lebens erst erkennbar, wenn man das Ende mitdenkt.»

Mena Kost, Annette Boutellier, Ausleben, Gedanken an den Tod verschiebt man gerne auf später, 196 Seiten, 55 farbige Abbildungen, gebunden, 15 x 20 cm, Christoph Merian Verlag, März 2020, ISBN 978-3-85616-914-5 CHF 29.00