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Verwitwet- wie weiter?

Cornelia Kazis holt Witwen aus ihrem Schattendasein

In der Schweiz leben 320 000 Witwen, doch die Öffentlichkeit nimmt sie nicht wahr. «Witwen sind gesellschaftliche Schattenfiguren», schreibt die Baslerin Cornelia Kazis (67) in ihrem Sachbuch «Weiterleben, weitergehen, weiterlieben/Wegweisendes für Witwen». Nun holt die pensionierte Radiojournalistin, die selbst seit 15 Monaten verwitwet ist, die Witwen ins Rampenlicht: mit Porträts und mit Fachwissen von Expertinnen. Und landete damit einen kleinen Bestseller. Wir trafen sie zum Gespräch.

Cornelia Kazis

Cornelia Kazis, Sie lassen in Ihrem Buch sieben Frauen ihre persönliche Geschichte erzählen: haben Sie ihre eigene darin wiedergefunden? Gibt es Gemeinsames, oder ist jeder Fall anders?

Ich habe mich in allen sieben Geschichten wiedergefunden. Ich konnte mich verorten: was war bei mir ähnlich, was war weniger schlimm oder schlimmer? Zum Beispiel im Gespräch mit der Witwe, die ihren demenzkranken Mann allmählich als Person verloren hat, ist mir klar geworden, dass ich selbst sehr dankbar bin, dass mein Mann bis zuletzt bei Sinnen war. Er war er, bis zum Schluss. Ich konnte mich spiegeln in anderen Schicksalen und das hat meine Trauer relativiert. Andererseits hatte ich, aufgrund meiner eigenen Trauer, eine grosse Glaubwürdigkeit für diese Frauen. Sie vertrauten mir. Das ergab diese intensiven Gespräche. Manchmal konnten wir auch einfach gemeinsam weinen.

Sie haben keine Fachliteratur zum Thema gefunden, schreiben Sie, ausser Ich-Berichten: Wollten Sie anderen Frauen einen Weg aufzeigen oder war die Arbeit an Ihrem Buch für Sie in erster Linie Selbsthilfe?

Es war beides. Ich wollte schon Fachwissen zusammentragen. Aber damit, dass ich mich so intensiv aus der journalistischen Sicht mit dem Thema befasst habe, habe ich auch sehr viel für mich selbst gewonnen. Das Buch hat ja ein sehr grosses Echo gefunden, es zeigt sich heute, dass eine solche Aufarbeitung einfach nötig und richtig war.

Die porträtierten Frauen äussern sich ganz offen, mit dem eigenen Namen. Das war eine Voraussetzung, um in das Buch aufgenommen zu werden. Warum?

Eines der Ziele meines Buches war es ja, verwitwete Frauen aus dem Schattendasein zu holen. Da wäre es unlogisch, wenn ich sie wieder anonymisiere und verschatte.

Erklären Sie uns dieses Schattendasein.

Witwen sind ein feministischer Blindfleck. Das erstaunt, denn es betrifft immerhin 330 000 Frauen in unserem Land. Mit Witwen assoziiert man Begriffe wie alt, grau, unbedeutend und traurig. Das ist unattraktiv, reizt nicht zur Auseinandersetzung. Es gibt auch viele Klischees, die mit Witwen assoziiert werden. So das Klischee, Witwen sitzen irgendwo in einem Fauteuil und trinken Tee und warten, bis sie selber sterben dürfen. Das andere Klischee ist genau das Gegenteil, das der entfesselten lustigen Witwe, die nochmals auf ihre Kosten kommen und alle Tabus brechen will. Und dazwischen ist wenig bis nichts. Eben ein Blindfleck.

Sie wussten während vielen Jahren, dass Ihr an Krebs erkrankter Mann sterben wird: War das nicht die ganze Zeit über sehr belastend?

Ja, schon. Aber es bekommt alles eine Normalität mit der Zeit. Man gewöhnt sich an die Diagnose, an das zu Erwartende. Das Hirn ist unglaublich anpassungsfähig. Gerade bei diesen Gesprächen mit den Witwen ist mir auch klar geworden, wie unglaublich anspruchsvoll ein plötzlicher Tod ist. Man sagt immer, der plötzliche Tod ist der Schönste. Das gilt sicher nicht für die Angehörigen. Es ist erschwerend für den Trauerprozess, wenn das Ende sozusagen aus heiterem Himmel kommt. Es gibt dann fast immer Versäumnisse, Dinge, die man gerne noch besprochen hätte und die nie mehr besprochen werden können. Eine schmerzliche Unwiederbringlichkeit.

Eine Ihrer Expertinnen, die Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello, unterscheidet zwischen der sozialen und der emotionalen Einsamkeit: Wie haben Sie das erlebt? Auch Sie haben ja Familie, Freundinnen, sind nicht allein.

Ich finde die Unterscheidung sehr wesentlich. Dass man, auch wenn man sozial nicht allein ist, sich dennoch tief einsam fühlt, weil der Verlustschmerz von niemandem wirklich genommen werden kann. Das «Wir» ist einem abhanden gekommen. Ich sehe zum Beispiel eine schöne Ausstellung und kann nicht mehr davon berichten. Oder mir fehlt die gewohnte Reaktion auf ein neues Kleid, eine geleistete Arbeit. Man realisiert, dass das nie mehr kommen wird.

Sie mussten sich als Witwe neu erfinden. Was ist neu in Ihrem Leben?

Eigentlich fast alles. Die Selbstwahrnehmung, die Wahrnehmung der Welt, der Gefühlshaushalt. Das Wir-Verständnis, die Zugehörigkeit bricht weg. Und ganz banal: Plötzlich merkt man, man hat doppelt so viel zu tun, weil früher alles geteilt war, man zahlt alles allein, macht Dinge, die man vielleicht früher an den Partner delegiert hat, von der Steuererklärung bis zur Motorfahrzeugkontrolle. Man kann das dann auch plötzlich.

Das gibt auch Selbstwahrnehmungserlebnisse.

Mit der Verwitwung fallen auch Zwänge weg, man bestimmt wieder ganz allein über sein Leben: Wird dieser Autonomiegewinn als Chance empfunden?

Diesen Autonomieschub erleben alle Frauen, das hat auch nicht mit Unterdrückung zu tun. Man gewinnt an Freiheit und Selbständigkeit. Man muss nicht mehr für jemanden sorgen. Gerade diese Sorge bei langen Krankheiten fällt weg, Das wird natürlich auch als Befreiung empfunden. Zuweilen auch als Erlösung. Man kann nachts das Licht im Schlafzimmer anmachen, ohne jemanden zu stören. Man fährt Fahrrad, wo doch früher der Mann immer Angst hatte um einen. Solche Sachen.

Was erwartet man in der Trauer von seinem Umfeld - Anteilnahme? Welche Reaktionen aus dem Umfeld haben Ihnen geholfen?

Es wäre wichtig, dass das Umfeld sich auf die Witwe neu einstellt. Beispielsweise sie weiterhin einlädt, obwohl man sie früher als Teil eines Paares eingeladen hat. Das ist nicht so einfach, denn die Witwe stellt dann so etwas wie ein Mahnmal dar. Alle denken: Das kann mir auch passieren, plötzlich die ungerade Zahl bei Einladungen zu sein. Ganz allgemein: Man sollte die Witwe in ihrer Art, den Verlust zu bewältigen, respektieren. So erlebte ich, dass ich auf unverständige Verwunderung stiess, weil ich schnell wieder mit dem Tanzen begonnen habe. Dabei ist das Tanzen für mich seit dem 17. Lebensjahr eine wichtige Kraftquelle. Sowohl die Umgebung wie die Trauernde selbst sollte einfach keine fixen Vorstellungen haben, was richtig ist und was nicht. Trauer hat so viele Gesichter!

Man kennt sie von sich selbst, diese Scheu, diese Verlegenheit, mit Trauernden umzugehen. Soll man fragen: wie geht es dir? Was machst du jetzt?

Man soll nachfragen, wenn man sich mit der Trauernden befassen will. Nicht einfach schnell aus Neugier, sondern aus wirklichem Interesse. Menschen in Trauer haben eigentlich ein grosses Mitteilungsbedürfnis. Sie brauchen Zeit. Viel Zeit. Auch Unvoreingenommenheit ist wertvoll. Die beste Frage: Wie geht es Dir heute? Darauf können Trauernde spezifisch antworten.

Sehr oft gelingt es den Witwen, wieder sehr gut im Leben anzukommen und ihren neuen Alltag zu meistern.

Es ist wichtig, zu wissen: Witwen schaffen das. Das erste Jahr ist am schwierigsten, denn dann jährt sich alles zum ersten Mal. Der erste Geburtstag, Weihnachten. Nach einer bestimmten Zeit verliert die Trauer ihren stechenden Schmerz. Mir ist wichtig, zu sagen, dass unsere Seele eigentlich gemacht ist für so archaische menschliche Erlebnisse. Man kann ihr vertrauen. Man sollte die Witwen einfach machen lassen, keine starren Vorstellungen darüber haben, wie ihr Neuland erobert werden soll. Darum sind klischierte Ratschläge wie Schläge: Mach doch einmal eine Reise. Oder, ganz schlimm, auch für dich geht wieder einmal die Sonne auf. Oder, geh doch mal in die Stadt Kaffee trinken... Was aber sicher ankommt: Ich hätte Lust auf einen Kaffee. Du auch?

Die Expertinnen im Buch zeigen unter anderem auf, wie wichtig es ist, sozial, finanziell und rechtlich vorzusorgen. Ist das realistisch? Man neigt doch oft zum Verdrängen, empfindet solche Voraussicht als unromantisch oder spiessig.

Man sollte sich einfach klar sein darüber, was passieren würde, wenn… Haben wir eine Patientenverfügung, einen Vorsorgeauftrag, ein Testament? Das gilt besonders für Paare, die nicht verheiratet sind. Und: bin ich finanziell autonom? Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Das sind in meinen Augen auch die einzigen Ratschläge, die man erteilen kann. Sonst einfach beistehen!

Das Buch von Cornelia Kazis: Weiterleben, weitergehen, weiterlieben. Wegweisendes für Witwen. 312 Seiten, ist erschienen im Xanthippe Verlag, Zürich. Preis Sfr: 34.80.